Mons. Tihamér Tóth– Das ewige Leben-Predigen
Sieh nun, so können wir auch schon die Frage beantworten: Was ist das Fegfeuer?
Das Fegfeuer ist, wie schon das Wort sagt, der Ort der Reinigung und Buße.
Gott zeigt nämlich der Seele im Augenblick des Gerichts, wie sie hätte sein sollen nach seinen ewigen Plänen, und wie weit sie hinter dieser Wirklichkeit zurückblieb.
Ganz sicherlich wird die Seele, die zwar im Zustand der Gnade von hinnen zog, jedoch auch mit vielen Fehlern und Unvollkommenheiten behaftet war, in jenem Augenblick voller Scham selber so sprechen: Nein, mein Herr, so unvollkommen kann ich in deinem Reich wahrhaftig nicht erscheinen. Mit solchen dunklen Flecken könnte ich in jenem Reich nicht für immer leben, von dem geschrieben steht, dass es „die Herrlichkeit Gottes erhellt und seine Leuchte das Lamm ist“ (Offb. 21, 23).
- Ja, diese Unvollkommenheiten, diese Mängel wird der Mensch vor dem Richterstuhl Gottes nur zu sehr empfinden. Wie sollte er sie dort nicht empfinden, wenn sie schon hier auf Erden jede feinfühlende Seele verspürt!
Was verspürt sie denn?
Nun, dass wir mit uns nie fertig werden.
Nicht fertig werden mit uns, mit unserer Seele, mit unserer seelischen Erziehung. Wer verstünde es weise, sich in diesem Erdenleben dem Willen Gottes so vollkommen anzupassen, um „dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu werden“ (Röm. 8, 29).
Und dann werden wir auch mit unserer irdischen Arbeit nicht fertig.
Der Künstler kann niemals sagen, jetzt sei er fertig, der Lehrer vermag es nicht, der Erzieher nicht, der Gelehrte nicht, der Schriftsteller nicht.
Sieh nun, der Reinigungsort wird der Ort der großen Vollendung sein: hier erhalten wir das, was unserer Seele vom Bilde Gottes noch abgeht. Das Fegfeuer wird der Ort der großen Fertigstellung sein: hier setzen wir den Schlussstein an unser Gebäude, an dem wir unser ganzes Leben lang gearbeitet haben. Das Fegfeuer wird der Ort der großen Restaurierung sein: hier bringen wir jene Verbildungen in Ordnung, hier bedecken wir jene wunden Stellen, die unsere Seele durch die auf Erden wirbelnde Sündflut erlitten hat. In dem Maße, als das Reinigungsleiden den darauf gefallenen Staub, Schmutz und Unrat von mir, vom Werke meines Lebens, wegbrennt, erstrahlt auch an meiner Seele das Bild Gottes. Und sobald dieses Bild strahlend rein geworden ist, ist auch das Fegfeuer zu Ende: dann kann ich in die ewige Seligkeit Gottes eingehen.

Quelle: Mons. Tihamér Tóth – Das ewige Leben-Predigen (Herder & GmbH Verlagsbuchhandlung)
Mons. Tihamér Tóth (1889–1939) war Bischof von Veszprém, Ungarn, Universitätsprofessor und einer der bedeutendsten Jugendseelsorger des 20. Jahrhunderts. Seine Werke richteten sich besonders an junge Menschen und wollten ihnen helfen, ihren Glauben, ihren Charakter und ihre moralische Haltung zu stärken.