Warum Tugend der beste Weg ist, das Familienvermögen an die nächste Generation weiterzugeben

Gary Isbell

Viele Familien wissen, wie man Vermögen aufbaut, aber deutlich weniger wissen, wie man es so weitergibt, dass die nächste Generation dadurch gestärkt wird.

Die große Herausforderung für viele wohlhabende Babyboomer besteht heute nicht darin, Vermögenswerte zu übertragen, sondern ihnen einen sinnvollen Zweck zu geben. Vermögen sollte einer Familie dienen, die Gesellschaft unterstützen und für kommende Generationen Bestand haben.

Es wird erwartet, dass die Babyboomer-Generation in den kommenden 22 Jahren Vermögenswerte im Wert von schätzungsweise 124 Billionen Dollar an jüngere Generationen und gemeinnützige Organisationen weitergibt. Dieser „große Vermögenstransfer“ (Great Wealth Transfer) ist bereits im Gange; derzeit wechseln jährlich rund 1 Billion Dollar den Besitzer.

Das eigentliche Risiko ist nicht finanzieller Natur

Für viele Familien liegt die größte Gefahr für ihr Vermögen nicht in Marktschwankungen, Steuern oder einer schlechten Anlageperformance. Sie ist viel persönlicher.

Eltern sorgen sich, dass ihre Kinder und Enkelkinder moralisch, emotional, finanziell und sozial nicht ausreichend darauf vorbereitet sind, Vermögen zu erben. Sie befürchten, dass die Erben ihr Vermögen nicht verantwortungsvoll und mit den nötigen Tugenden verwalten werden. Stattdessen könnten sie es verschwenden – zum Schaden ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung und der Gesellschaft.

In den meisten Fällen scheitert der Erhalt von Familienvermögen über Generationen hinweg daran, dass die tugendhaften Gewohnheiten, Prinzipien und die Disziplin, die den Wohlstand ursprünglich geschaffen und erhalten haben, nicht weitergegeben werden.

Eine Erbschaft ohne Plan zu erhalten, ist wie ein Lottogewinn

Viele Menschen glauben, eine Erbschaft sei wie ein Lottogewinn – sie werde alle finanziellen Probleme lösen. Doch ein aufschlussreicher Blick auf die Gewinner der Lotterie erzählt eine deutlich ironischere und tragischere Geschichte.

Forscher verglichen Personen, die einen kleineren Betrag gewonnen hatten, mit solchen, die plötzlich zwischen 50.000 und 150.000 Euro erhielten. Dabei zeigte sich, dass ein unerwarteter Geldsegen eine Insolvenz nicht verhindert – er verschiebt sie lediglich auf einen späteren Zeitpunkt.

Die großen Gewinner standen letztlich vor denselben Problemen wie die kleineren Gewinner: erdrückende Schulden und leere Bankkonten.

Die Tugenden, die Familienvermögen dauerhaft erhalten

Vermögen bleibt oft dann über Generationen erhalten, wenn Familien die vier Kardinaltugenden frühzeitig und konsequent vermitteln: Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Tapferkeit.

  • Klugheit hilft Menschen, weise Entscheidungen zu treffen und langfristig zu denken.
  • Gerechtigkeit vermittelt Verantwortungsbewusstsein, Fairness und einen sorgsamen Umgang mit anvertrautem Vermögen.
  • Mäßigkeit begrenzt Übermaß und hält Konsumverhalten im Gleichgewicht.
  • Tapferkeit stärkt die Widerstandskraft, insbesondere in Zeiten von Rückschlägen und Herausforderungen.

Diese Tugenden sind praktische Werkzeuge, um Familienvermögen über Generationen hinweg zu bewahren. Eine stabile Familie, die an klaren Werten, Verantwortung und einem gemeinsamen Zweck festhält, hat deutlich bessere Chancen, ihr Vermögen zu erhalten, als eine Familie, die eine Erbschaft als bloßen individuellen Anspruch betrachtet.

Lässt sich der „Fluch der dritten Generation“ verhindern?

Die erste Generation schafft Wohlstand, die zweite verwaltet ihn, und die dritte verliert ihn wieder.

Eine häufig zitierte Aussage besagt, dass 70 Prozent wohlhabender Familien ihr Vermögen bereits in der zweiten Generation verlieren und 90 Prozent spätestens in der dritten. Auch wenn diese genauen Prozentsätze nicht in jedem Einzelfall zutreffen mögen, bleibt das zugrunde liegende Muster bestehen.

Eine der großen Ironien des Familienvermögens besteht darin, dass gute Absichten zu schlechten Ergebnissen führen können. Kontrollierte Herausforderungen sind keine Grausamkeit – sie sind eine Form der Vorbereitung und des Lernens.

Eltern möchten ihre Kinder verständlicherweise vor Schwierigkeiten bewahren. Doch Kinder, die nie mit Herausforderungen konfrontiert werden, entwickeln oft nicht die Fähigkeiten, die nötig sind, um das Leben – und Geld – verantwortungsvoll zu meistern. Wenn ihnen jedes Hindernis aus dem Weg geräumt wird, verpassen sie die Gelegenheit, Probleme zu lösen, Entscheidungen zu treffen, aus Fehlern zu lernen und Selbstvertrauen aufzubauen.

Die Zukunft des Familienvermögens hängt davon ab, was Familien vermitteln

Familien, die ihr Vermögen über Generationen hinweg erhalten möchten, müssen mehr weitergeben als Geld und Vermögenswerte. Sie müssen Urteilsvermögen, Verantwortungsbewusstsein, Selbstdisziplin und einen Sinn für Zweck und Bedeutung vermitteln.

Vermögen allein schafft keinen dauerhaften Wohlstand. Dauerhafter Wohlstand entsteht dort, wo die Werte, Gewohnheiten und Tugenden weitergegeben werden, die den Wohlstand überhaupt erst ermöglicht haben.

Das bedeutet, Kindern beizubringen, wie man denkt – nicht, wie man Geld ausgibt. Es bedeutet, ihnen genügend Raum für Herausforderungen zu lassen, damit sie daran wachsen können. Es bedeutet, falsche Vorstellungen über Geld zu hinterfragen, die Erfolg verzerren oder Ängste fördern können. Und es bedeutet, Kinder so zu erziehen und zu bilden, dass sie sich an festen Prinzipien orientieren, anstatt Entscheidungen von den Emotionen des Augenblicks abhängig zu machen.

Der „Fluch der dritten Generation“ lässt sich verhindern. Doch das gelingt nur Familien, die bereit sind, ebenso konsequent in Tugend, Charakterbildung und Werte zu investieren wie in ihre Anlageportfolios.

Letztlich wird Familienvermögen nicht durch Geld allein bewahrt. Es wird durch Menschen bewahrt – durch Menschen mit Urteilsvermögen, Verantwortungsbewusstsein, Disziplin und einem klaren Sinn für Zweck und Bedeutung. Wer diese Eigenschaften an die nächste Generation weitergibt, hinterlässt weit mehr als ein Vermögen: Er hinterlässt ein dauerhaftes Erbe.

Quelle: tfp.org

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