In diesem berühmten Gemälde hat Giotto Judas in dem Moment dargestellt, in dem er unseren Herrn Jesus Christus küsst. Es war der Kuss des Verrats, in dem Augenblick, als unser Herr, kurz bevor er verhaftet und zum Gericht geführt und gekreuzigt werden sollte, eben jene schrecklichen Worte ausgesprochen hatte: „Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?“ (Lk 22,48).
In seiner ganzen Erhabenheit blickt unser Herr Judas an und durchdringt ihn bis in die Tiefe seiner Seele. In diesem Blick weist er die infame Tat des Judas entschieden zurück; doch trotz dieser Zurückweisung der Infamie schaut er ihn an wie jemand, der noch einen Rest guter Eigenschaften in Judas zu finden sucht. Er versucht, ihn zu berühren, in einem Bemühen, seine Bekehrung zu erwirken. Welch gewaltiger Gegensatz!
Judas ist niedrig, gemein, habgierig, materialistisch; mit seinen dicken, unbestimmten Lippen, die sich zum Kuss der Infamie öffnen, versucht er mit seinem trüben Blick zu lächeln, um zu lügen. Man hat den Eindruck (verzeiht den Prosaismus), man könne sogar seinen übelriechenden Atem im Moment des Verratskusses spüren. Beide schauen einander an, und darin nimmt man den höchsten Gegensatz wahr zwischen vollständiger Infamie und höchster Vollkommenheit.
Die Seele eines wirklich ernsthaften Katholiken lebt von diesem Gegensatz: die beständige Neigung, das Erhabenste zu betrachten, verbunden mit dem Verständnis, dass im Innersten jeder tadelnswerten Sache die Infamie pulsiert, bereit hervorzubrechen und die Atmosphäre zu durchdringen. Die Welt durch solche Gegensätze zu sehen, heißt, mit Ernst zu handeln.
Quell: tfp-france.org
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