Die industrielle Revolution: Ein Kristallisationspunkt für die frenetische Maßlosigkeit

Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts hatte weitreichende kulturelle, soziale und politische Konsequenzen. Sie war ein maßgeblicher Faktor bei der Entstehung unserer Großstädte und der modernen Massen.

Auszug aus dem Buch „Rückkehr zur Ordnung“ des Autors John Horvat II. S. 47-49

John Horvat II

Für ein besseres Verständnis der frenetischen Maßlosigkeit* im Bereich der Wirtschaft müssen wir den Moment der Geschichte näher betrachten, in der die Auswirkungen und der Einfluss dieser Strömung zum ersten Mal deutlich zu beobachten waren. Unserer Ansicht nach liegt dieser Moment in der Periode der großen Veränderungen, die die erste industrielle Revolution (1760-1840) und die darauffolgenden Zyklen technologischen Wandels mit sich gebracht haben.

* Definition der frenetischen Maßlosigkeit

Wir können die frenetische Maßlosigkeit als einen rastlosen, explosiven und unerbittlichen Drang im Menschen definieren, der sich in der modernen Wirtschaft vor allem dadurch bemerkbar macht, dass er 1) stets bestrebt ist, sich aller rechtmäßigen Einschränkungen zu entledigen; und 2) darauf abzielt, alle Hindernisse zu beseitigen, die der unmittelbaren Befriedigung ungeordneter Leidenschaften im Weg stehen. Dieser Drang erzeugt eine wirtschaftliche Unterströmung, deren Auswirkungen mit denen eines schadhaften Gaspedals oder Reglers verglichen werden können, das bzw. der eine sonst gut funktionierende Maschine völlig aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Eine tiefgreifende Veränderung

Die industrielle Revolution war ein Kristallisationspunkt, den der Historiker Carlo Cipolla als „eine beispiellose und tiefgreifende Revolution” mit „wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und politischen Auswirkungen” bezeichnet hat.”[1] Es ist nicht zu leugnen, dass die industrielle Revolution großen materiellen Fortschritt und Wohlstand geschaffen hat, von dem die Gesellschaft insgesamt profitiert hat.

Ein großer Teil dieses Fortschritts kann jedoch auf gesunde Aspekte des westlichen Wirtschaftssystems zurückgeführt werden, die bereits vor der industriellen Revolution vorhanden waren, wie etwa der Ausbau der Handelsnetze, ein Überfluss an Kapital, technologische Entwicklungen und das Bestehen einer riesigen Infrastruktur sozialer Institutionen.[2] Unsere Kritik bezieht sich daher in erster Linie auf Aggressivität der unruhigen Unterströmung frenetischer Maßlosigkeit, die eine hektische Beschleunigung wirtschaftlicher Trends und Prozesse und in deren Folge dann große finanzielle und soziale Umwälzungen in Gang gesetzt hat.

Das Kennzeichen der industriellen Revolution

Es ist nicht unsere Absicht, hier Kritik an bestimmten technologischen oder wirtschaftlichen Aspekten der industriellen Revolution zu üben. Wir wollen uns darauf beschränken, ausschließlich die dramatischen Veränderungen in Haltung und Mentalität aufzulisten, die auf die frenetische Maßlosigkeit zurückzuführen sind und die den mäßigenden Einfluss von familiären, kulturellen und religiösen Institutionen zurückgedrängt haben:

  • Der Wirtschaft wird Vorrang vor sozialen, politischen, kulturellen oder religiösen Aktivitäten eingeräumt – diese Aktivitäten werden auch an die wirtschaftlichen Gegebenheiten angepasst.
  • Haltungen gegenüber Kapital und Kredit haben sich verändert, was zu einer massiven Expansion geführt hat, die eine de facto herrschende Elite geschaffen hat – eine Oberschicht aus Bankern, Geschäftsleuten und Technokraten, deren Macht, Vermögen und Privilegien die der Könige und Prinzen früherer Zeit weit übertreffen.
  • Die industrielle Revolution hat eine Veränderung der Gesellschaft in Gang gesetzt, indem sie eine kolossale industrielle Infrastruktur geschaffen hat, wie sie für Massenproduktion, Standardisierung und Skaleneffekte erforderlich ist. Sie löste eine Landflucht aus und führte zur Bildung von Großstädten, in denen sich Industrie, Handel und Finanzwesen konzentrierten.
  • Die industrielle Revolution förderte eine säkulare, materialistische und pragmatische Haltung dem Leben gegenüber. Diese materialistische Sicht des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts beflügelte den Traum von einem materiellen „Paradies,” das die Menschheit erlösen und religiöse und moralische Fragen nebensächlich machen würde.[3]
  • Die Einführung neuer Technologien, Arbeitszeiten und Lebensrhythmen hat zu Entpersonalisierung, Brutalisierung und Stress geführt.
  • Die destabilisierenden Veränderungen der industriellen Revolution bereiteten den Boden für Karl Marx und seine Theorie des Klassenkampfes, indem sie Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern schürten.[4]

Unsere Kritik richtet sich daher nicht gegen die konkreten Technologien, sondern gegen die Art, in der die industrielle Revolution, ebenso wie jeder nachfolgende technologische Zyklus — Dampf, Elektrizität, Kernkraft und insbesondere Computertechnologien — der frenetischen Maßlosigkeit in der modernen Wirtschaft immer mehr Möglichkeiten zur Entfaltung geboten hat.

Angetrieben durch die frenetische Maßlosigkeit hat diese Revolution einen dramatischen Widerstand gegen jede Form der Zurückhaltung innerhalb der Wirtschaft in Gang gebracht, der sich auch heute noch fortsetzt. Wir vertreten die These, dass unsere gegenwärtige Volkswirtschaft ohne die frenetische Maßlosigkeit viel weiter fortgeschritten und auch wohlhabender wäre.

[1] Carlo M. Cipolla, Before the Industrial Revolution: European Society und  Economy, 1000-1700 (New York: W. W. Norton, 1976), 274.

[2] Robert Nisbet weist darauf hin, dass die Familie, die Kirche und der Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaften eine Rolle spielten: „Vertragsfreiheit, die Flüssigkeit des Kapitals, die Mobilität der Arbeitskräfte und das gesamte Fabrikssystem konnten nur deshalb funktionieren und eine innere Stabilität vortäuschen, weil institutionelle und kulturelle Bindungen weiterbestanden, die in jeder Hinsicht prä-kapitalistischen Ursprungs waren. Trotz des rationalistischen Glaubens an naturgegebene wirtschaftliche Harmonien lagen die wahren Wurzeln der wirtschaftlichen Stabilität in Gruppen und Vereinigungen, die ihrem Wesen nach gar nicht wirtschaftlicher Natur waren.” Robert A. Nisbet, The Quest for Community: A Study in the Ethics of Order and Freedom (San Francisco: ICS Press, 1990), 212. Hinsichtlich des Überflusses an Kapital vor der industriellen Revolution, siehe Fernand Braudel, The Wheels of Commerce, Bd. 2 of Civilization and Capitalism 15th-18th Century (Berkeley, Calif.: University of California Press, 1992), 398-99.

[3] Unsere Technologie und ihre Betonung des Physischen, Technischen und Empirischen löste einen Prozess aus, den Sabino S. Acquaviva als „Prozess der Desakralisierung” bezeichnet hat und der sämtliche formellen und informellen gesellschaftlichen Institutionen erfasst hat, so dass „der moderne Tagesablauf als solcher bereits zum Hindernis für die Religionsausübung geworden ist, da er religiöse Erfahrungen ausklammert.” Sabino S. Acquaviva, The Decline of the Sacred in Industrial Society, übers. v. Patricia Lipscomb (Oxford: Basil Blackwell, 1979), 137.

[4] Marx feierte den Triumph der Industrialisierung über die alte Ordnung. Dabei bezeichnet er die Bourgeoisie als das Hauptwerkzeug der Zerstörung. „Die Bourgeoisie,” schreibt er, „hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.” Karl Marx und Friedrich Engels, „Manifest der kommunistischen Partei,” in Marx, Bd. 50 von Great Books of the Western World, Hrsg. Robert Maynard Hutchins (Chicago: University of Chicago, 1952), 420.