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Die Engelslehre bei Plinio Corrêa de Oliveira

Dieser Text ist ein Vortrag, der gehalten wurde auf der 7. Tagung über die Engel in der Wallfahrtskirche Santa Maria la Nova, Campagna (Salerno) Italien.

Julio Loredeo

  1. „Der Kreuzritter des zwanzigsten Jahrhunderts“

Plinio Corrêa de Oliveira ist ein brasilianischer katholischer Denker und eine Führerfigur der katholischen Bewegung Brasiliens im 20. Jahrhundert. Er starb im Jahre 1995. Seine Werke, die in vielen Sprachen übersetzt wurden, haben zur Bildung katholischer Gruppierungen in verschiedenen Ländern beigetragen. Wir können aber nicht sagen, dass er eine weltbekannte Persönlichkeit ist. So bitte ich um Verständnis und ein wenig Geduld, wenn ich hier sein Leben und Werk vorstelle, in denen ich dann seine Auffassung über die Lehre der Engel einfügen werde.

Plinio Corrêa de Oliveira ist im Jahre 1908 in der Stadt São Paulo, Brasilien, geboren. Angesichts einer Welt, in der der christliche Geist mehr und mehr verlorenging, traf er in seinem 12. Lebensjahr die Entscheidung, sich ganz der Verteidigung der Kirche und der christlichen Zivilisation zu widmen.

Dieses Vorhaben verwirklicht sich im Jahr 1928 mit seinem Eintritt in die Marianische Kongregation, in der er sofort eine führende Rolle übernahm. Nach dem er 1932 das Studium der Rechtswissenschaften abschloss, wurde er zum Abgeordneten des Katholischen Wählerbundes für die 1933 einberufene Verfassunggebende Versammlung gewählt. Im Jahr 1941 wurde er zum Präsidenten der Katholischen Aktion der Erzdiözese von São Paulo ernannt. Seit 1929 schreibt er regelmäßig in dem monatlichen Pfarrblatt Legionário, dessen Leitung ihm bald übertragen wurde und es in einer sehr wichtigen und einflussreichsten Wochenzeitung verwandelte. Mit ihr führte er im katholischen Lager Brasiliens den Kampf gegen den Kommunismus, Nationalsozialismus und andere neuheidnische totalitären Erscheinungen.

Im Jahr 1943 schreibt er das Buch Zur Verteidigung der Katholischen Aktion, in dem er die neo-modernistische und christlich-demokratische Unterwanderung in der Kirche aufzeigt. Für dieses Werk erhielt er einen Lobesbrief von Papst Pius XII. Im Jahr 1945 übernimmt er die Professur für Neuere Geschichte an der Päpstlichen Katholischen Universität von São Paulo.

Im Jahr 1951 gründete er die Zeitschrift Catolicismo, um die sich eine dynamische katholische Bewegung bildete, die sich zunächst auf das südamerikanische Ausland ausbreitete und später weltweit bekannt wurde. Um dieser Bewegung eine doktrinäre Grundlage zu geben, schreibt er im Jahr 1959, sein Meisterwerk, Revolution und Gegenrevolution.

Im Jahr 1960 gründete er die Brasilianische Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition Familie und Privateigentum – TFP –, mit der er den großen Kampf zur Verteidigung der christlichen Grundsätze in der Gesellschaft fortsetzen wird. Viele seiner Aktionen erreichten weltweiten Widerhall. Das Beispiel der brasilianischen TFP hat sich über die ganze Welt verbreitet und inspirierte die Gründung von ähnlichen Vereinigungen in 25 Ländern. So können wir ihn auch als den Gründer einer großen geistigen Familie betrachten.

Plinio Corrêa de Oliveira stirbt in São Paulo 3. Oktober 1995. Sein Leben war, wie seine Biographen schreiben, dass eines wahren „Kreuzritters des zwanzigsten Jahrhunderts“ (1).

  1. „Ein treues Echo des höchsten Lehramtes der Kirche“

Diesen „Kreuzzug“ hat Plinio Corrêa de Oliveira besonders im geistigen und doktrinären Felde geführt. Autor von 20 Bücher und 2.500 Artikeln und Essays hat er auch sein Gedankengut in mehr als 20 Tausend Vorträgen, Konferenzen und Versammlungen dargelegt, dessen Niederschriften über eine Million Seiten ergibt. Ein Dokument der Päpstlichen Kongregation für Seminare und Universitäten qualifizierte 1964 seine intellektuelle Arbeit als ein „treues Echo des höchsten Lehramtes der Kirche“.

  1. Ein noch nicht systematisiertes geistiges Werk

Dieses riesige Lehrwerk befindet sich noch in der Phase der Zusammenstellung und Systematisierung und somit zur Konsultation noch nicht komplett verfügbar. Nur ein kleiner Teil wurde bereits veröffentlicht. Was unser Thema betrifft, ist die Lehre von den Engeln unter mehreren Aufsätzen und mindestens fünfzig Vorträgen und Konferenzen verteilt. Zu beachten ist, insbesondere eine Reihe von Sitzungen der Kommission für philosophische Studien der brasilianischen TFP, intern unter dem Namen „Kommission MNF“ (Akronym für Manifest) bekannt. Eine erste schematische und unvollständige Sammlung wurde von mir im Jahre 1982 hergestellt und umfasst fast 400 Seiten.

Dieser vorliegende Aufsatz ist basiert auf einige wenige Hinweise in der Sammlung. Er enthält also nicht die vollständige und gegliederte Darlegung seines Gedankenguts bezüglich der Engelstheorie. Es ist vielmehr eine Übernahme einiger Beobachtungen, Meinungen oder auch einfach theologische Hypothesen. Der Autor dieses Artikels verweist selbst auf den „hypothetischen Charakter dieser Arbeit“.

Andererseits ist zu beachten, dass Plinio Corrêa de Oliveira alle seine Gedanken und Theorien „ohne Einschränkungen“ der letztendlichen Beurteilung des Lehramtes der Kirche unterwarf, „bereit, ohne zu zögern auf alle Thesen und Theorien zu verzichten, die sich, selbst im Geringsten, von der Lehre der Heiligen Kirche, unsere Mutter, Lade des Heils und Pforte des Himmels abweichen sollten“. (2)

  1. Katechetischer und apostolischer Zweck

Um die Engelslehre von  Plinio Corrêa de Oliveira zu verstehen, müssen wir zunächst einmal seine Eigenschaften in der Katechese und im Apostolat in Betracht ziehen. Als Führer von Laienbewegungen mit besonderer Blickrichtung auf das Apostolat, sei es mit der Masse der Katholiken – also die große Öffentlichkeit – sei es mit dem einzelnen, besonders mit Jugendlichen, war sein Ziel ein ganz anders als das eines Theologen. Während letzterer eher die Aufgabe hat das depositum fidei zu systematisieren, zu vertiefen und in rationalen Begriffen zu erläutern und sich in der Regel auf das geistige Studium beschränkt, war Plinio Corrêa de Oliveira stets auf der Suche nach Argumenten und Analysen, die er als  „Kampfeswaffen“ in seinem Apostolat verwenden konnte. Dies war auch der Fall in seinem Studium der Engelslehre.

„Mit der Lehre über die Engel – schreibt er – könnte man der materialistischen Weltanschauung des modernen Menschen den Todesstoß geben. (…) Die Verkündigung dieser Lehre wäre eine Herausforderung für den modernen Materialismus. Es wäre die katholische Antwort auf New Age und die Pfingstbewegung, eine Aufforderung an die Menschen, die Sünden der Welt zu verlassen und sich dem Universum der Engel zu öffnen. (…) Das Studium der Engelslehre würde uns erlauben, einen Einblick in eine Art wunderbarem Universum zu gewähren, das als Alternative zum Horrenden der modernen Welt präsentiert werden könnte. Es wäre nicht nur das Apostolat der Schönheit der Engelwelt, sondern ganz allgemein das Apostolat der engelhaften Darstellung der Schönheit“.

Das Studium des Universums der Engel, fährt der brasilianische Denker fort, „setzt eine Einstellung und Haltung gegenüber der Schönheit voraus, die leider heute im Katechismus nicht gelehrt wird. (…) Im Gegensatz zum modernen Säkularismus, der die Welt auf dem menschlichen Bereich beschränkt, erweitert die Lehre über die Engel dermaßen die geistige Weitsicht und würde eine solche Tiefe erreichen, es würde zu einem Flaggschiff der katholischen Katechese sein. Es wäre vergebens moderne Fehler, wie den Relativismus intellektuell zu widerlegen, wenn parallel dazu wir nicht ein Apostolat der engelhaften Schönheit machten. Dies ist insbesondere notwendig, bei den neuen Generationen, die viel offener sind für die Schönheit als ihre Eltern, die noch vom materiellen Fortschritt der Industriegesellschaft verzaubert sind.“ (3)

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Ein weiterer Punkt, der zu beachten ist, ist, dass der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit von Plinio Corrêa de Oliveira sich in erster Linie auf den weltlichen Bereich richtete. Er betrachtete es als seine Aufgabe, die Merkmale einer christlichen Zivilisation zu ergründen, und sich für ihre Verwirklichung einzusetzen. Dieses war das Ziel seines geistigen Schaffens und insbesondere seiner Angelologie: „Ich möchte eine globale Vision des Universums der Engel erarbeiten und ihre Grundprinzipien dann auf das menschliche Universum umsetzen, um, zum Beispiel, eine Theorie der Regierung und eine Theorie der Autorität in der Gesellschaft zu entwickeln.“

  1. Im Einklang mit der Tradition

Bezüglich der Angelologie fügt sich Plinio Corrêa de Oliveira voll und ganz in die traditionelle Theologie eines Thomas von Aquin und eines Bonaventura ein. Er widmete eine besondere Aufmerksamkeit dem Werk De coeleste hierarchia des Pseudo-Dionysius Areopagita (5. Jahrhundert). Für das Studium der Engel in der Heiligen Schrift, konsultierte er das monumentale Werk des Jesuiten Cornelius a Lapide (1567-1637) Commentaria in Sacram Scripturam, und nicht zu vergessen das nicht minder berühmte De angelis, des Jesuiten Francisco Suarez (1548-1617), der Doctor Eximius.

Auf diese traditionelle Engelslehre baute Plinio Corrêa de Oliveira eine Reihe von Gedanken und Erwägungen, die einen Zusammenhang mit seiner Mission aufweisen.

In Revolution und Gegenrevolution analysiert Oliveira den Prozess der Entchristlichung, der im Laufe von mehr als fünf Jahrhunderten im Begriff ist die christliche Zivilisation zu zerstören und heute einen beängstigenden Höhepunkt erreicht hat. Er nennt diesen Prozess „Revolution“ und definiert sie als eine „Unordnung“, das heißt, ein Vorhaben die Ordnung zu zerstören:

„Die Ordnung der Dinge, die von der Revolution zerstört wird, ist die der mittelalterlichen Christenheit. Diese Christenheit aber war nicht irgendeine mögliche Ordnung, wie viele andere Ordnungen möglich wären. Sie war vielmehr, unter den zeitlichen und örtlichen Gegebenheiten, die Verwirklichung der einzig wahren Ordnung unter den Menschen, d.h., die der christlichen Zivilisation. (…) Was also seit dem 15. Jahrhundert zerstört wird — dessen Zerstörungswerk heute fast schon vollendet ist —, das ist die Anordnung der Menschen und Dinge gemäß der Lehre der Kirche, der Lehrmeisterin der Offenbarung und des Naturgesetzes. Diese Anordnung ist das Bild der Ordnung schlechthin.“

Diesem Prozess der Zerstörung stellt er eine Gegenrevolution entgegen, die er definiert als „die Wiederherstellung der Ordnung; und unter Ordnung verstehen wir den Frieden Christi im Reiche Christi, oder auch die christliche Zivilisation – streng, hierarchisch, sakral, antiegalitär und antiliberal..

Im Kern der Vision von Plinio Corrêa de Oliveira finden wir also den Begriff der Ordnung, der den Begriff von Harmonie mit einschließt. Nun gibt es zwei grundlegende Harmonien in der Schöpfung: die der menschlichen Seele und die des Universums; eine das Spiegelbild der anderen:

„Die menschliche Seele ist Harmonie und das Universum ist auch Harmonie. Die Ästhetik, die im Universum vorhanden ist, ist die Verwirklichung einer Harmonie im Universum, die es auch in der menschlichen Seele gibt (Pius XII., Weihnachtsansprache 1957). (…) Die Ästhetik des Universums kann also von zwei verschiedenen Polen aus gesehen werden. Diese beiden Pole befinden sich nicht in verschiedenen Umlaufbahnen, wo der eine im Zentrum ist und der andere sich um diesen dreht. Der Mensch ist das Zentrum des Universums, und die Ordnung, die in ihm herrscht, ist sozusagen das Zentrum und die höchste Verwirklichung der Grundsätze der Ordnung und der Schönheit, die außerhalb ihm existieren.“ (4)

Nun ist aber die menschliche Seele von Natur aus gesellig, das heißt, sie tendiert eine Gesellschaft zu bilden, die ihre innere Harmonie wie auch die Harmonie des Universums widerspiegelt.

Hier können wir nun die drei großen Kapitel nennen, in denen wir das Gedankengut von Plinio Corrêa de Oliveira einordnen:

– Die Ordnung in der menschlichen Seele („Der menschliche Prozess“)
– Die Ordnung in der Gesellschaft („Die Gesellschaft der Seelen“)
– Die Ordnung des Universums („Die Ästhetik des Universums“)

  1. Die Engel: Existenz und Natur

Plinio Corrêa de Oliveira beginnt sein Studium der Engel mit einem Kommentar zu den Questiones 50-64 des ersten Buches der Summa theologica des hl. Thomas von Aquin, die die Existenz, die Natur und die Aufgabe der Engel behandeln. Über diesen Punkt werde ich nicht näher eingehen, es sei denn um darauf hinzuweisen, wie er auf jedem Schritt aus den Lehren des Doctor angelicus Ideen für eine Theorie der christlichen Zivilisation hervorholt. Sehen wir ein paar Beispiele, auf einer notwendigerweise schematischen Weise

  • Egalitarismus und Hierarchie

Im Gegensatz zum egalitären Geist der Revolution, stellt Plinio Corrêa de Oliveira eine hierarchische Auffassung der Gesellschaft vor, die sich auf das Universum der Engel begründet.

Gott hat nicht nur ein einziges Lebewesen geschaffen, das alle Seine eigenen Vollkommenheiten widerspiegeln würde. Er schuf eine Vielzahl von Lebewesen. Und diese Vielfalt impliziert eine Hierarchie, in der die Engel eine Funktion haben. Der Engel, als reiner Geist, verglichen mit dem Menschen, ist in Bezug auf Gott immateriell und körperlos. Er ist ein in der hierarchischen Ordnung des Universums notwendiges Wesen zwischen Mensch und Gott, damit zwischen beide kein gähnender Abgrund klafft.

Prof. Oliveira kommentiert: „Diese Hierarchie gründet auf die Natur der geschaffenen Wesen: der Mineralien, Pflanzen, Tiere, Menschen, Engel. Es ist nicht eine bloße zweckmäßige Stufenordnung, sondern eine Notwendigkeit in der Ordnung des Universums. Diese Gedanken sollten an der Basis der anti-egalitären Bildung der Katholiken heute stehen. (…) Es genügt nicht, im Katechismus die Existenz der Engel aus der Offenbarung heraus zu lehren. Es ist notwendig ihre Funktion in der Hierarchie des Universums aufzuzeigen“.

  • Die Bewegung in der christlichen Gesellschaft

Die Engel bewegen sich. Nicht in dem Sinne, dass sie sich physisch bewegen — da sie von aller Stofflichkeit frei sind, belegen sie keinen Platz — aber in dem Sinne, dass sie ständig im Erkennen und im Wollen von Potenz zum Akt übergehen.

„Hieraus — folgert Prof. de Oliveira — können wir eine Theorie der Bewegung in der christlichen Gesellschaft ableiten. Die christliche Gesellschaft hat die höchste Form der Bewegung, nicht die Form sich physisch zu bewegen, sondern indem sie die Wahrheit immer tiefer erkennen und sie immer intensiver lieben kann. In einer christlichen Gesellschaft ist die physische Bewegung nebensächlich. Vorrangig ist die geistige Bewegung. Ein wahrhaft christlicher Herrscher sollte in der Lage sein, vor allem diese Bewegung anzuregen.“ Diese Bewegung findet in der Tat sein Vorbild in der Welt der Engel.

  1. Die Engelsgesellschaft ist das Muster der menschlichen Gesellschaft

  • Die Engelsgesellschaft

Für Plinio Corrêa de Oliveira ist die Engelsgesellschaft das Modell der menschlichen Gesellschaft. Er widmet daher viel Raum dem Studium der inneren Beziehungen Gottes — der trinitarischen Perichorese — sowie den Beziehungen Gottes zu seinen Engeln und der Engel untereinander. Lassen Sie es uns hören:

„Um eine transzendentale Erklärung der Ordnung zu erarbeiten, müssen wir sie aus der eigenen göttlichen Essenz und seinen ersten Beziehungen zu den Geschöpfen ableiten. Mit anderen Worten: Wir finden in der Heiligsten Dreifaltigkeit und in der Natur der Beziehungen Gottes zu seinen Engeln das perfekte Modell dessen, was eine menschliche Gesellschaft sein sollte.“

Dies behandelt er z.B. in seinem Aufsatz „Anmerkungen zum Begriff des Christentums. Der sakrale Charakter der zeitlichen Gesellschaft und ihre Ministerialität, auf die ich der Kürze halber nicht näher eingehen möchte, sondern nur einen Absatz daraus zitiere:

„Wenn man die menschliche Seele in ihrer Natur, in ihren Kräften, in ihrer Tätigkeit betrachtet, in welchem Sinne kann sie ein soziales Leben haben? Da ein Bereich des sozialen Lebens rein geistige Beziehungen von Mensch zu Mensch umfasst, mag er auf einer so hohen Ebene stehen, dass nichts Definitives oder Nützliches darüber gesagt werden kann. Dieser Eindruck wird zerstreut, wenn wir auf das zurückgreifen, was uns die Kirche über Engel lehrt“ (5).

  • Der Sündenfall der Engel

Ein interessantes Kapitel des Denkens von Plinio Corrêa de Oliveira auf diesem Gebiet ist seine Studie über den Sündenfall der Engel, d.h. die Sünde Luzifers, aus der er Erkenntnisse für die Analyse gesellschaftlicher Dekadenzprozesse zog. Aufgrund des Prinzips, dass sich Gesellschaften wie eine große kollektive menschliche Seele verhalten, kann man soziale Prozesse so studieren, als wären sie geistige Prozesse.

Wie zerfällt eine Gesellschaft? Wie ist zum Beispiel das christliche Mittelalter verfallen? Oder: Wie zerfällt ein religiöser Orden? Wenn man den Mechanismus verstanden hat, kann man eine Katechese konstruieren, die darauf abzielt, eine solche Möglichkeit zu vermeiden.

Plinio Corrêa de Oliveira fragt sich, ob die Prüfung, der Gott die Engel unterzog, unbedingt notwendig war, oder ob er darauf hätte verzichten können. Seiner Meinung nach war dieser Prozess absolut notwendig. „Bevor er die Engel in seine Vertrautheit aufnahm, wollte Gott, dass sie einen Beweis ihrer Liebe erbringen. Diese Prüfung war unbedingt notwendig, damit die Engel den Grad der Vollkommenheit erreichen konnten, zu dem sie berufen waren.“

Das liegt an dem — auch für Gesellschaften gültigen — Prinzip, dass das aufsteigende geistige Leben (das, was zur Heiligkeit tendiert) aus aufeinanderfolgenden Opfern besteht, bei denen der Mensch allmählich den alten Menschen tötet und den neuen hervorbringt. Ohne diese wird die Vollkommenheit nicht erreicht.

Alles deutet darauf hin, dass Gott sich zunächst den Engeln gegenüber etwas verschleiert hat. Während einige die Erinnerung an Ihn wach hielten und, wenn überhaupt, eine verdoppelte Anstrengung unternahmen, Ihn zu lieben, ohne Ihn zu sehen, schlich sich bei anderen eine Art Amnesie Gottes ein. Das lag an einem Überdruss am Erhabenen und folglich an einer Verlangsamung des Impulses zur Heiligkeit.

Diese Verlangsamung hat verschiedene Ursachen, die ich hier nur aufzählen möchte: die Wahl von unmittelbareren Gütern, auch wenn sie unbedeutend sind; die Ersetzung des Idealismus durch persönlichen Genuss; das Aufkommen von unvernünftigen Phantasien. Dies löst einen Prozess der geistigen Verfinsterung aus, der mehrere Stufen durchläuft: wachsende Selbstzufriedenheit, die zur Selbstgenügsamkeit tendiert; das konsequente Aufkommen von Hochmut und damit die Ablehnung der Demütigung vor dem Transzendenten; wachsendes Unwohlsein mit der von Gott geschaffenen hierarchischen Ordnung.

Dieser Prozess mündete in das non serviam, mit dem sich Luzifer offen gegen Gott auflehnte und einen dritten Teil der Engel des Himmels mit sich nahm.

  1. Der heilige Michael und die engelhafte Militanz

In seinem Apostolat musste sich Plinio Corrêa de Oliveira oft der Haltung entgegenstellen, die wir heute als Gutmenschentum bezeichnen, die den Verzicht auf den kämpferischen Charakter der Kirche impliziert und die Wurzel so vieler Misserfolge ist, sowohl im Bereich der Lehre als auch der Disziplin. Deshalb widmete er besondere Aufmerksamkeit dem Studium der kämpferischen Mission bestimmter Engel und in primis des Heiligen Michael, der sich der Rebellion Luzifers mit jenem großartigen Quis ut Deus! entgegenstellte, das noch in der Geschichte nachhallt.

Der hl. Thomas stellt den hl. Michael an erster Stelle der Fürstentümer, da sie diejenigen sind, die die Kämpfe führen. St. Michael ist der Hauptkrieger Gottes. Man könnte einwenden, dass der Kampf der Engel nicht militärisch ist, und das stimmt auch. Es ist ein Kampf der Präsenz, der Liebe zum Guten und des Hasses auf das Böse, in dem sich das Gute dem Bösen aufdrängt und es aus der göttlichen Gegenwart vertreibt.

Dies ist die Essenz des Proelium magnum, auf das in der Offenbarung Bezug genommen wird. Deshalb spricht Plinio Corrêa de Oliveira vom Himmel als „das schönste Schlachtfeld der ganzen Geschichte“.

Laut dem brasilianischen Denker hat die Mission des Heiligen Michael zwei Aspekte: „Der Kampf ist nicht nur die Vernichtung derer, die sich gegen Gott erhoben hatten. Sie impliziert auch die Bejahung des Gegenteils. Der Kampf ist nicht glorreich, außer in dem Maße, in dem er das bekräftigt und aufrichtet, was der Feind zu zerstören suchte. Durch das Ausrufen von Quis ut Deus! hat der heilige Michael nicht nur den Widersacher in die Hölle gestürzt, sondern auch ein vollkommenes Lied der Liebe zu Gott im Universum zum Klingen gebracht, das in alle Ewigkeit widerhallen wird. Das Lied der vollkommenen Liebe ist sowohl ein Lied des Krieges als auch ein Lied der Anbetung gegenüber dem, was verteidigt und bejaht wird. Aus der Liebe zur Ordnung erwächst der Hass gegen die Unordnung.“

Aber es gibt noch andere kämpferische Missionen in der Engelswelt, die der brasilianische Denker sorgfältig studiert hat.

Cornelius a Lapide befasst sich in seinen maßgeblichen Commentaria in Sacram Scripturam mit der Exegese des 2. Kapitels von Sacharja, das von der Vision von vier Hörnern erzählt, die das Böse darstellen, das Juda, Israel und Jerusalem zerstreut hat. Dann gibt es vier Handelnde Engel, die der Jesuitentheologe „eiserne Engel“ nennt, die diese Hörner mit schweren Hämmern schlagen. Ihre Mission ist es, „die Hörner der Nationen, die gegen das Land Juda stoßen, um es zu zerstreuen, zu zerbrechen und abzureißen“ (6).

Diese Engel waren von Gott auf die Erde gesandt worden, fanden diese aber im Frieden vor und konzentrierten sich auf Juda, das stattdessen von Feinden heimgesucht wurde. Mit anderen Worten: Sie suchten den Krieg, um in ihn einzugreifen.

Diese Hörner, kommentiert Plinio Corrêa de Oliveira, stellen vier Formen des Bösen dar. Gegen jede von ihnen erhebt Gott eine Form von repressivem Gut, dem eine engelgleiche Person entspricht. Diese Engel haben den Auftrag, Schrecken zu verbreiten, um jede Form des Bösen niederzuschlagen und zu zerstören. Da Engel nun ex natura propria handeln, d.h. ihr Auftrag beruht auf ihrer Natur, bedeutet dies, dass diese Engel im Wesentlichen Krieger sind. Der Krieg ist eines Wesens mit ihnen.

Dieser Vision folgt in Kapitel 6 eine weitere, in der vier von roten, schwarzen, weißen und gescheckten Rossen gezogene Wagen zu sehen sind, die der Prophet deutet:  „diese ziehen aus in die Richtung der vier Winde des Himmels, nachdem sie vor dem Herrn der ganzen Erde gestanden“. Während die weißen Rosse geschickt werden, um „den Geist der Völker zu besänftigen“, werden die gescheckten Rosse von Cornelius a Lapide „Racheengel“ genannt. Das heißt, sie kommen, um Rache an den Feinden des Herrn zu üben und den Kindern des Lichts zu helfen, ihre Gegner in die Flucht zu schlagen.

„Es ist eine romantische Vorstellung, zu denken, dass der Engel nur kommt, um eine Plage zu beenden“, glossiert Plinio Corrêa de Oliveira. „In der Heiligen Schrift gibt es viele Stellen, die zeigen, dass Engel gesandt werden, um Nationen und Einzelpersonen zu züchtigen, zu geißeln“. Ein markantes Beispiel ist der Engel, der geschickt wurde, um die erstgeborenen Söhne der Ägypter zu töten (Ex, 12,29).

In diesem Sinne untersucht Plinio Corrêa de Oliveira auch die Vision der sieben in reines Leinen gekleideten Engel mit sieben goldenen Bechern, gefüllt mit dem Zorn Gottes, die in Kapitel 15 der Offenbarung vorgestellt wird. Er kommentiert: „Das strahlende Linnen bedeutet die Freude der Engel bei der Ausführung der göttlichen Gerechtigkeit durch Bestrafung der Gottlosen. Die goldenen Schalen sind aus Gold, weil der Zorn aus der Liebe kommt. Zorn ist Liebe im Zustand der Streitbarkeit; es ist heiliger Zorn.“

9. Der heilige Raphael, der politische Scharfsinn

Raphael bedeutet „Arzneimittel Gottes“, nicht nur im strengen klinischen Sinne, sondern auch im weiteren Sinne der Behebung schwieriger Situationen. Während St. Michael Situationen mit Gewalt löst, tut St. Raphael dies mit List und „savoir faire“. Der heilige Raphael repräsentiert eine engelhafte Form der List der unschuldigen Seele, die es versteht, in schwierigen Situationen einzugreifen. Während sich ein banaler Verstand in einem Labyrinth von komplizierten Details verliert, erfasst der heilige Raphael sofort den Knoten des Problems und löst es.

Die Menschen sind aufgerufen, die von den abtrünnigen Engeln leer gelassenen Throne zu besetzen. In diesem Sinne kann man davon ausgehen, dass es einige Menschen gibt, die eher den Heiligen Michael widerspiegeln, während andere eher den Heiligen Raphael widerspiegeln. Eine solche Person war König Ludwig XI. von Frankreich, der seine Politik so geschickt zu weben verstand, dass militärische Kriegsführung fast unnötig wurde.

Man kann sich eine christliche Gesellschaft nicht vorstellen ohne Seelen à la Sankt Michael und Seelen à la Sankt Raphael, die in Harmonie zur größeren Ehre Gottes handeln.

  1. Die Schutzengel

Zum Thema Schutzengel untersucht Plinio Corrêa de Oliveira ein Feld, das vielleicht noch wenig erforscht ist: die innige Beziehung des Menschen zu seinem Engel.

Er geht davon aus, dass der Schutzengel nicht zufällig gegeben ist. Von aller Ewigkeit her hat Gott für jeden Menschen einen eigenen Engel bestimmt. Dieser Engel hat eine sehr tiefe Bindung zu dem Menschen, die über zufällige Aspekte hinausgeht und fast sein ganzes Wesen berührt. Der Schutzengel ist der Archetyp des Menschen. Er ist, auf einer engelhaften Ebene, die perfekte Verwirklichung dessen, was der Mensch nach Gottes Plänen sein sollte.

Normalerweise haben die Menschen die Vorstellung, dass der Schutzengel nur existiert, um die Person vor dem Bösen zu schützen. In Wirklichkeit, so heißt es im Gebet, besteht seine Aufgabe darin, „zu erleuchten, zu bewachen, zu regieren und zu leiten“. Oder, nach Dionysius dem Areopagiten, zu „läutern, zu erleuchten und zu vervollkommnen“. Dies, kommentiert Plinio Corrêa de Oliveira, „ist der tiefste Sinn jeder göttlichen, engelhaften und menschlichen Regierung, gesehen in ihrer höchsten Bedeutung“.

  • Die Aufrechterhaltung im Sein

Ein erstes Element ist der Erhaltung im Sein. Gott, der Schöpfer aller Dinge, erhält sie ständig. Nur Gott ist ens per se, d.h. er findet in sich selbst seinen eigenen Seinsgrund. Geschöpfe sind ens per accidens und brauchen göttliche Erhaltung, um zu existieren. Der dominikanische Theologe Antonio Royo Marín erklärt diese Wahrheit mit einer Metapher: Wenn Gott absurderweise eindösen würde, würde er ohne das Universum aufwachen, da die Aufrechterhaltung des Seins aufgehört hätte.

Nun, Gott regiert das Universum durch Zweitursachen. Und das gilt auch für die engelhafte Versorgung der Menschen: „Gott hätte nur Materie erschaffen können, auch nicht die Menschen, die eine Mischung aus Materie und Geist sind. Es war notwendig, dass es rein geistige Wesen zwischen Gott und Mensch gibt, und das sind die Engel. (…) Nach der katholischen Lehre ist es Gott, der die Geschöpfe erhält. Da aber durch göttlichen Willen die höheren Wesen die niederen regieren, können wir dann sagen, dass die Engel die Menschen im Sein erhalten?“

Um eine Antwort zu skizzieren, schlägt Plinio Corrêa de Oliveira das Konzept der Komplementarität vor. In der Schöpfung gibt es komplementäre Realitäten, in denen die eine nicht ohne die andere existieren könnte. Dies ist beim Mond und der Erde der Fall. Der Mond existiert in Funktion der Erde. De potentia Dei absoluta, könnte Gott einen Mond ohne eine Erde erschaffen haben. Aber ihre notwendige Komplementarität deutet auf etwas Tieferes als den bloßen Zufall hin. Der brasilianische Denker schreibt:

„Es gibt eine indirekte Einwirkung Gottes auf den Menschen durch den Engel, der ihn im Sein erhält. Dieser Unterhalt ist nicht de potentia Dei absoluta, sondern de potentia Dei ordinata. Aber es scheint, dass es sich nicht um eine rein zufällige Beziehung handelt. Ohne den Engel wäre der Mensch für Gott nicht denkbar. In der göttlichen Vorstellung erzeugt und erhält der Engel auf eine bestimmte Weise den Menschen. Mit anderen Worten: Der Mensch wird in Funktion des Engels gedacht und geschaffen.“

  • Die Übernahme des Engels

Worin aber besteht das „Reinigen, Erleuchten und Vervollkommnen“ des Engels in Bezug auf den Menschen? Hier ist ein zentraler Aspekt davon:

„Es handelt sich um eine dreifache Handlung, die die Übergabe des Archetypus an den Typus beinhaltet, die als Antwort das Opfer des Typus an den Archetypus erhält. Der Archetypus reinigt, erleuchtet und vervollkommnet den Typus, indem er sich ihm hingibt. Dies ist die Essenz des Dienens. In diesem Sinne ist das Regieren eine Dien(st)leistung. Der Regierte schenkt sich selbst dem, der ihn regiert. Dieser wiederum korrespondiert, indem er das Opfer seinerselbst vollzieht. Und wenn der Typus sich dem Archetypus zur Verfügung stellt, übernimmt ihn der Archetypus in gewissem Sinne und lässt ihn seine Vollkommenheit, seine Fülle erreichen. Hier gibt es eine geheimnisvolle Symbiose, die besser untersucht werden sollte.“

Dies ist ein Prozess, der bei den höheren Engeln im Verhältnis zu den niederen und bei den Engeln im Verhältnis zu den Menschen stattfindet. Nur wenn der Mensch sich von seinem Engel übernehmen lässt, kann er die Höhen der Heiligkeit erreichen.

Die Untersuchung dieser „Übernahme“ des Menschen durch den Engel — mit allen Anwendungen auf die menschliche Gesellschaft — bildet ein zentrales Kapitel in Plinio Corrêa de Oliveiras Angelologie.

  1. Schutzengel kollektiver „Seelen“

Plinio Corrêa de Oliveiras Interesse an der christlichen Zivilisation führte ihn dazu, soziale Phänomene eingehend zu studieren. Zu den untersuchten Problemen gehört das der „kollektiven Seelen“, wobei der Begriff „Seele“ natürlich streng in Anführungszeichen steht.

Wenn eine Gruppe von Individuen, die durch ein bestimmtes Band verbunden sind, zusammenkommt, kann etwas entstehen, das mehr ist als die einfache Summe der Komponenten darstellt. Plinio Corrêa de Oliveira schreibt: „Nehmen wir das Beispiel einer Adelsfamilie im Mittelalter, die verstreut auf zehn Burgen lebt. Einmal im Jahr, anlässlich des Festes des Schutzpatrons der Familie, versammeln sich alle im Schloss des Familienoberhauptes. Ist es nicht so, dass etwas entsteht, das mehr ist als nur die Summe der Individuen? Da ist etwas vom Stammvater, von den Vorfahren und ihren Heldentaten, von der Vergangenheit und der Zukunft. Es gibt nicht Titius, Caius und Sempronius. Da ist die Familie Soundso. Es kommt eine gewisse Vorstellung über das Wesen der kollektiven Seelen ins Spiel, die besser untersucht werden sollte.“

„Es ist klar, dass das Individuum an sich mehr ist als die Gesellschaft“, fährt er fort, „aber es ist auch wahr, dass eine Gesellschaft eine größere Vollkommenheit erfasst. Ich denke, es hat mit dem Satz in der Genesis zu tun, dass alles, was von Gott erschaffen wurde, „gut“ war, aber das Ganze war „sehr gut“. Man könnte fast sagen, dass etwas ontologisch Anderes und Höheres geboren wird, nämlich eine kollektive Seele. (…) Diese Realität ist zufällig, aber sie ist ähnlich wie eine Person, weniger „dicht“, aber edler, das zur Geltung bringt, was die Komponenten am besten haben“.

Wir können uns vorstellen, dass diese kollektive „Seele“ einem Engel entspricht, der sich von den Schutzengeln der einzelnen Mitglieder unterscheidet und ihnen überlegen ist. Er wäre der Schutzengel des Kollektivs, von Gott dazu bestimmt, es zu reinigen, zu erleuchten und zu vervollkommnen. Für die oben genannten Prinzipien wäre dieser Engel der Archetyp dieser Kollektivität: „Der Engel steigt auf diese Kollektivität herab und geht eine Symbiose mit ihr ein, die ihr einen ontologischen Reichtum verleiht, den bloße menschliche Beziehungen nicht erklären können.“

Dies bringt uns zu einer Vorstellung von Schutzengeln nicht nur für Nationen — eine Vorstellung, die sowohl in der Heiligen Schrift als auch in der Theologie begründet ist — sondern im weiteren Sinne für „kollektive Seelen“ in der menschlichen Gesellschaft, wie Familien, Institutionen, religiöse Orden und so weiter. In dieser Logik kann davon ausgegangen werden, dass eminente Personen, die die Regierung von Kollektiven, sowohl geistig als auch zeitlich, in ihren Händen halten, nicht nur auf ihren eigenen Engel zählen können, sondern auch auf den des Kollektivs.

  1. Die Gegenwart der Engel in der Natur

Gott schuf das Universum zu seiner äußerlichen Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit besteht im Bild und Gleichnis des Schöpfers in der Schöpfung. „Coeli enarrant gloriam Dei et opera manuun ejus annuntiat firmamentum“, heißt es im Psalm. Der Mensch kann Gott nicht direkt kennen, aber er kann den Widerschein seiner Vollkommenheiten in der Schöpfung betrachten und sie so auf ihn zurückführen. So sagt uns z.B. die Majestät eines Berges etwas über die Majestät Gottes, so wie die Unermesslichkeit des Meeres uns eine Ahnung seiner Unendlichkeit gibt.

Dies ist ein natürlicher Vorgang, so dass selbst die Heiden, die die Natur bewunderten, ihr oft göttliche Eigenschaften zuschrieben. Sie haben sich in der Schlussfolgerung geirrt, aber nicht in der Prämisse. Die Natur ist nicht Gott, aber sie spiegelt Ihn wider und kann uns durch Kontemplation zu Ihm führen. Dies ist der Prozess, den der heilige Bonaventura in seinem berühmten Weg des Geistes zu Gott untersucht.

Für Plinio Corrêa de Oliveira ist es nicht schwer zu vermuten — es handelt sich offensichtlich um eine theologische Hypothese, die im Übrigen bereits von der Patristik schon erforscht wurde —, dass, so wie Gott jedem Menschen einen Schutzengel zugewiesen hat, er einigen Engeln die Obhut bestimmter besonders prächtiger Orte anvertraut hat. So schreibt der brasilianische Denker:

„Manchmal sehen wir bestimmte Orte in der Natur, die so schön sind und auf höhere Dinge hinweisen, dass wir glauben, sie hätten etwas Religiöses an sich. Offensichtlich gibt es nichts Göttliches, wie die Heiden fälschlicherweise dachten. Aber, dürfen wir nicht denken, dass es ein engelhaftes Handeln gibt? Die Schönheit des Ortes ist vollkommen natürlich. Aber darüber behauptet sich die Anwesenheit eines Engels. So wie Engel moralische Tugenden verkörpern, könnte man nicht denken, dass es Engel gibt, die die Schönheit bestimmter Orte verkörpern?“

Man könnte von diesen Engeln so etwas Ähnliches wie von den Schutzengel sagen. Sie stellen den Archetyp dieses Ortes dar, d. h. den höchsten Aspekt, wodurch dieser Ort das Abbild und Ebenbild Gottes ist.

Seine Rolle ist nicht nur ästhetisch, sondern auch apostolisch. Er würde auf die Menschen einwirken, die diesen Ort betrachten, und ihnen helfen, ihn richtig zu betrachten, zu Gott aufzusteigen und ihn dann mit der größten Intensität zu lieben.

Was man über die Natur sagen kann, könnte man auch über bestimmte Schöpfungen des menschlichen Genius sagen. Es gibt zum Beispiel Kirchen, die so schön sind, dass es unmöglich ist, nicht an etwas Engelhaftes zu denken. Es ist, als ob Gott, nachdem diese Kirche fertig gebaut war, sie einem Engel anvertraut hätte. Wer gerät nicht in Ekstase, zum Beispiel vor dem Petersdom? (vor der Saint-Chapelle in Paris?) Kann man nicht denken, dass es die Anwesenheit des Schutzengels der Kirche gibt, der jeden einlädt, durch die Betrachtung des Gebäudes die Heilige Römische Kirche besser kennenzulernen und sie deshalb mehr zu lieben?

  1. Fazit

Und mit dieser großartigen Vision der Heiligen Mutter Kirche schließe ich meinen Vortrag, schematisch und synthetisch und doch schon zu umfangreich. Es bleibt mir nur noch, Plinio Corrêa de Oliveira zu bitten, bei der Allerheiligsten Jungfrau Maria, die er auf Erden so sehr geliebt und ihr gedient hat, Fürsprache einzulegen, damit die Verehrung der Engel immer mehr wächst und immer mehr spannende und begeisternde Horizonte des Glaubens eröffnet.

 

Anmerkungen

  1. Vgl. Roberto de Mattei,Il Crociato del secolo XX. Plinio Corrêa de Oliveira, Piemme, Casale Monferrato, 1996; Massimo Introvigne,Una battaglia nella notte. Plinio Corrêa de Oliveira e la crisi nella Chiesa nel secolo XX, Sugarco, Milano, 2008; Plinio Corrêa de Oliveira, numero speciale della rivista Tradizione Famiglia Proprietà, ottobre 2005.
  2. Plinio Corrêa de Oliveira,Rivoluzione e Contro-Rivoluzione, Roma, Luci sull’Est, 1998, p. 178.
  3. Im Jahr 2006 veröffentlichte der Päpstliche Rat für Kultur das DokumentVia Pulchritudinis, dessen Übereinstimmung in Bezug auf die Architektur und das allgemeine Schema mit diesem Aspekt des Denkens von Plinio Corrêa de Oliveira wirklich bemerkenswert ist.
  4. Paulo Corrêa de Brito Filho, Introduzione a«A inocência primeva e a contemplação sacral do universo no pensamento de Plinio Corrêa de Oliveira», Istituto Plinio Corrêa de Oliveira, San Paolo, 2008.
  5. Plinio Corrêa de Oliveira,Note sul concetto di Cristianità. Carattere sacrale della società temporale e sua ministerialità, Thule, Palermo, 1997, p. 12.
  6. Cornelio a Lapide,Commentaria in Sacram Scripturam, Ludovico Vives, Parigi, 1874-1887, vol. 14In Zachariam.

Foto von Pixabay

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