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Heiliger Josef, der Arbeiter

Unzählig sind die Gebetserhörungen, die dem Ziehvater Jesu und Bräutigam Mariens zugeschrieben werden. Welche außerordentliche Frucht das Gebet um die Fürbitte des hl. Josef haben kann, zeigt ein Ereignis aus dem Jahr 1873, das sich in Santa Fe zugetragen hat.

Die Loretto-Schwestern und ihre Kapelle

Im Jahr 1853, nach einer anstrengenden dreimonatigen Reise mit Schiff und Eisenbahn, erreichten drei Schwestern vom in Kentucky beheimateten Orden der Freundinnen Mariens am Fuße des Kreuzes Santa Fé. Dort gründeten sie auf Geheiß des damaligen Bischofs von Santa Fé, John Baptiste Lamy, eine Mädchenschule.  Dieser Same spross und blühte auf und beeinflusste die Geschichte dieser Stadt immens.

1873 hatten die Schwestern für ihre Gemeinschaft mit dem Bau einer neuen, Unserer lieben Frau vom Licht geweihten Kapelle begonnen. Mit ihren Spitzbögen und bunten Fensterscheiben sollte die Kapelle an die herrliche Pracht der Gotik des mittelalterlichen, vom Katholizismus geprägten und inspirierten Europa erinnern; diesen Katholizismus wollten die Schwestern nun auch in New Mexico fördern.

Doch als der Bau beinahe fertiggestellt war, stellten die Schwestern ein Problem fest.

Die Kapelle war 22,5 Metern lang, 7,5 Metern breit und 25,5 Meter hoch, sodass es theoretisch unmöglich sein würde, mit den herkömmlichen Bauplänen eine Treppe zu der so hohen Empore zu bauen. Einer der leitenden Baumeister war gestorben, und die originalen Baupläne konnten einfach nicht mehr ausfindig gemacht werden. Man fragte nun viele Schreiner und andere Bauspezialisten um Rat, aber niemand wusste eine Lösung.

Manche meinten sogar, man müsse die Empore wohl einfach wieder abreißen.

Aber Schwestern sind bekannt für ihren beharrlichen Glauben und ihr starkes Vertrauen auf Gott, wenn alle natürlichen Mittel zu scheitern drohen. So entschlossen sie eine Novene zum Heiligen Josef, dem Zimmermann von Nazareth, zu beten.

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Ein Zimmermann steht vor der Tür

Kaum hatten sie die Novene zu Ende gebetet, stand ein Mann vor der Klosterpforte. Er hätte von ihrer Notlage gehört, sei Zimmermann und war gekommen, um zu helfen.

Die Schwestern nahmen sein Angebot sofort an.

Mit ein paar wenigen einfachen Werkzeugen – Säge, Hammer, Zeichenschiene – die er auf seinem Esel mitgebracht hatte, machte er sich an die Arbeit. Ein paar Schwestern berichteten, sich auch an Wasserwannen zu erinnern, in denen Holz eingelegt war, um es biegsam zu machen.

Still und gewissenhaft arbeitete der fremde Zimmermann vor sich hin und hatte schon bald eine wunderschöne Wendeltreppe fertiggestellt. Ganz aus Holz, mit Holzstiften zusammengehalten, ohne Nägel oder Schrauben, wand sie sich in zwei Spiralen von genau 360° nach oben zur Empore, ohne eine Zentralstütze.

Als der Schreiner die grundlegenden Teile der Treppe fertiggestellt hatte – also alles bis auf ein Geländer – verließ er die Schwestern, bevor sie ihn überhaupt bezahlen konnten, und kam nie mehr zurück. Die Mutter Oberin versuchte, herauszufinden, wo er lebte, doch umsonst. Niemand kannte ihn. Sie suchte auch das Holzlager im Ort auf, um das verwendete Holz zu bezahlen, doch die Arbeiter dort wussten nichts von einer solchen Bestellung. Die Schwestern waren dankbar und eigentlich nicht sehr überrascht – aber auch enttäuscht, dass ihnen der Zimmermann entwischt war: Hatten sie nicht zum Heiligen Josef gebetet?

Ratlose Experten

Architekten, Schreiner und andere Fachleute jedoch waren mehr als verblüfft. Immer mehr kamen, um sich die Bautechnik anzuschauen, mit der eine so hohe Treppe erbaut worden war – mit zwei vollen Windungen, und das ohne Zentralstütze! Das Erstaunen wurde noch größer, als sie hörten, dass die Treppe regelmäßig von den Schwestern und ihren Schülerinnen genutzt wurde. Den Fachleuten zufolge hätte die Wendeltreppe beim ersten Besteigen sofort einbrechen müssen. Und so wurde die Treppe für ein Jahrhundert weiter genutzt.

Die Experten bewunderten auch die geometrische Perfektion der Konstruktion, die allein durch Handwerksarbeit und primitiven Werkzeugen erreicht worden war. Nicht viel weniger erstaunte sie das verwendete Holz, das ihnen aus dieser Gegend überhaupt nicht bekannt war.

Was vielleicht auch noch zum Erstaunen der Spezialisten beigetragen hat, von vielen vielleicht aber auch übersehen wurde – von den Schwestern jedoch wohl bemerkt und sofort begriffen – war die Anzahl der Stufen: 33, bezeichnenderweise übereinstimmend mit dem „exakten Alter“, das unser Herr erreicht hatte, als er am Kreuz für unsere Sünden starb.

Stilles Zeugnis bis zum heutigen Tag

Im Jahr 1968, teilweise der durch den Progressismus verursachten Krise geschuldet, die damals auch schon kirchliche Glaubensgemeinschaften getroffen hatte, nahmen die Aktivitäten der Schwestern von Loretto in Santa Fé ab. Die Schule Unserer lieben Frau vom Licht schloss ihre Pforten. Das Schulgebäude wurde drei Jahre später verkauft und in ein Hotel umfunktioniert.

Die Kapelle besteht noch, allerdings als Museum. Besuchern, die für den Eintritt ein Ticket kaufen müssen, wird in der Kirche eine aufgezeichnete Geschichte abgespielt, während sie den Innenausbau bewundern. Neugier und genaue Untersuchungen dieses Phänomens  haben zu großer Bewunderung und Frömmigkeit geführt, während Skeptiker in stiller Ratlosigkeit vor sich hin staunen.

Im Jahre 1984 veröffentlichte Professor Mary J. Straw eine umfassende Studie zu der Kirche: Loretto, the Sisters and their Santa Fé Chapel (Loretto, die Schwestern und ihre Kapelle in Santa Fé). Und Reiseführer verweisen nach wie vor auf die Kapelle als den Ort einer Wundertreppe.

Was auch immer der gegenwärtige Status der Kapelle sein mag, die Treppe steht als stiller und bewundernswerter Zeuge für den Glauben und die Bemühungen dieser wegbereitenden Schwestern, die ihr Leben der Hinführung junger Herzen zu Gott gewidmet haben.

 

Quelle: Allianz mit Maria 2021 Nr 1