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Ist die Tradition ein rein historischer Wert oder einfach ein Thema einer romantischen Sehnsucht?

 

Die Wertschätzung der Tradition ist heute zu einer sehr seltenen Tugend geworden. Einerseits, weil der Hunger nach Neuigkeiten und die damit einhergehende Verachtung der Vergangenheit zu Seelenhaltungen geworden sind, die infolge der Revolution immer häufiger anzutreffen sind. Und andererseits, weil die Verteidiger der Tradition diese oft völlig falsch verstehen. Die Tradition ist weder ein rein historischer Wert noch einfach ein Thema einer romantischen Sehnsucht mit Variationen. Es handelt sich um einen Wert, der nicht ausschließlich im archäologischen Sinn zu verstehen ist, sondern als unerläßlicher Faktor des Lebens in der heutigen Zeit. 

Das Wort Tradition

Das Wort Tradition, sagt der Papst, “klingt bekanntlich unangenehm für viele Ohren. Es mißfällt, und das mit Grund, wenn es von gewissen Lippen herkommt. Manche Leute verstehen es falsch, andere gebrauchen es als fal­schen Vorwand für ihren untätigen Egoismus. An­gesichts solcher Mißverständnisse und dramati­schen Uneinigkeit, gibt es nicht wenige neiderfüll­te und zahlreiche feindselige, böswillige Stimmen, oft auch schlicht dumme oder irrgeleitete, die Euch die Frage stellen und unverhüllt um Antwort bitten: wozu dient Ihr eigentlich? Um ihnen zu antworten, ist es vor allem nötig, den wirklichen Sinn und Wert der Tradition zu verstehen, deren Repräsentanten Ihr zu sein wünscht, mehr als alles andere.

Viele meinen – auch aufrichtigerweise -, daß Tra­dition nichts weiter als die Erinnerung ist, die ver­blaßte Spur einer Zeit, die vergangen ist und nicht mehr existiert, die nicht wiederkehren kann und be­stenfalls mit Verehrung und vielleicht mit Anerkennung zur Aufbewahrung in einem von wenigen Freunden und Bewunderern besuchten Museum zurückverdrängt wird. Wenn das aber die Tradition wäre und sie sich darauf beschränken und zugleich bedeuten würde, den Weg in die Zukunft ablehnen oder verachten zu wollen, wäre es sicher vernünf­tig, der Tradition Respekt und Verehrung zu versa­gen. Die wehmütigen Träumer der Vergangenheit müßten dann mit Mitleid gesehen werden als die ewig Gestrigen gegenüber der Gegenwart und – mehr noch – gegenüber der Zukunft. Aber strenger noch müßten diejenigen beurteilt werden, die auf Grund ihrer wenig anständigen und sauberen Motive nichts weiter sind als Deserteure der Pflichten, welche die so schmerzliche Gegenwart auferlegt.

Tradition ist aber viel mehr als nur einfache Anhänglichkeit an eine Zeit, die vergangen ist und genau das Gegenteil einer Haltung, die jedem ge­sundem Fortschritt mißtraut. Etymologisch beur­teilt ist das Wort ‚Tradition‘ ein Synonym für den Weg und für den Menschen in die Zukunft, ein Synonym, aber nicht gleichbedeutend. Tatsächlich bedeutet “Fortschritt” doch nichts anderes als die Tatsache des Fortschreitens, Schritt für Schritt, mit Blick­richtung auf ein ungewisses Ziel. ‚Tradition‘ hin­gegen bezeichnet zwar auch einen Weg in die Zukunft, aber einen Weg, der fortsetzt, was schon zurückgelegt wurde, einen Weg, der gleichzeitig ruhig aber lebhaft, den Lebensgesetzen folgend, die ängstlichen Alternativen ‚si jeunesse savait, si vieillesse pouvait! ‘ [wenn die Jugend wüßte, wenn die Alten könnten], umgeht. Wie jener Herr de Turenne, von dem erzählt wird: ‚ll a eu dans sa jeunesse toute la prudence d’un age avancé, et dans sa vieillesse, toute la vigueur de la jeunesse‘ [in seiner Jugend besaß er die Klugheit der Alten und im vorgeschrittenen Alter die ganze Kraft der Jugend], (Flechier, Grabrede, 1676).

Gestützt auf die Tradition, erleuchtet und geführt durch die Lebenserfahrung der Alten, schreitet die Jugend mit festem Schritt vorwärts. Die Alten übergeben vertrauensvoll den Pflug in stärkere Hände, welche die begonnenen Furchen wei­terziehen. Wie das Wort schon sagt, ist die Tradi­tion eine Gabe, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, eine Fackel, die ein Läufer dem anderen übergibt, im Vertrauen darauf, daß der Lauf nicht stocken oder langsamer werden wird. Tradition und Fortschritt ergänzen sich gegenseitig harmonisch. Tradition ohne Fortschritt ist ebenso ein Widerspruch in sich selbst, wie Fortschritt ohne Tradition nichts weiter wäre als ein wagemutiges Unternehmen, ein Sprung ins Dunkel.

Es dreht sich wahrlich nicht darum, gegen den Strom zu rudern, zurückgehen zu wollen zu Le­bensformen und Handlungsweisen vergangener Zeiten. Es gilt fortzusetzen, was in der Vergangen­heit sich als das Beste erwiesen hat, der Zukunft entgegenzuschreiten mit der unüberwindlichen Kraft der Jugend.”

 

 

  1. Der Begriff “Revolution” wird in dem vorliegenden Buch in demselben Sinn benutzt, in dem er bereits in dem Essay des Verfassers Revolution und Gegenrevolution gebraucht wurde. Er meint damit eine Bewegung, die im 15. Jahrhundert ihren Anfang nahm und seither dahin tendiert, die christliche Zivilisation zu zerstören und einen ihr entgegengesetzten Zustand zu schaffen. Als Etappen dieses Prozesses erweisen sich die Pseudo-Reformation, die Französische Revolution sowie der Kommunismus mit seinen vielfältigen Varianten und seiner subtilen Verwandlung in unseren Tagen.
  2. Es ist hier die Rede von dem französischen Marschall Henri de Latour d’Auvergne, Vicomte de Turenne (1611-1675).
  3. Ansprachen an das Patriziat und an den Adel von Rom, 1944, S. 178-180; vgl. Dokumente VI.

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