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Mai 1968, ein entscheidender Schritt, die Welt von heute zu destrukturieren

Auszüge aus dem Essay Revolution und Gegenrevolution von
Plinio Corrêa de Oliveira

 

Durch die Studentenrebellion an der Sorbonne im Mai 1968 kamen zahlreiche sozialistische und marxistische Autoren zur Erkenntnis, dass eine bestimmte Form der Revolution nötig sei, die den Weg für politische und sozioökonomische Veränderungen durch Beeinflussung des täglichen Lebens, der Sitten, der Geisteshaltungen und der Lebensweise bereitet. Diese Art der revolutionären psychologischen Kriegsführung ist als Kulturrevolution bekannt. Nach Meinung dieser Autoren könnte nur diese überwiegend psychologische und tendenzielle Revolution die Mentalität eines Volkes insofern verändern, dass die Utopie des Egalitarismus realisiert werden könnte. Ohne diese geistige Veränderung hätte keine strukturelle Veränderung keinen Bestand.

Wie denn? – Man fragt sich unversehens, ob die von den Strukturalisten unserer Tage erträumte Stammesgesellschaft nicht eine Antwort auf diese Frage weiß. Der Strukturalismus sieht im Stammesleben eine illusorische Synthese zwischen höchster individueller Freiheit und allgemein akzeptiertem Kollektivismus, in der letzterer die Freiheit schließlich verschlingen wird. Nach den Ideen des Kollektivismus verschmelzen die verschiedenen „Ich” oder Einzelpersonen mit ihrem Verstand, ihrem Willen und ihrem Gefühl, also auch mit den ihnen eigenen und unter einander in Konflikt stehenden Daseinsweisen, um sich in der Einheit des Stammes aufzulösen, die eine einheitliche Art des Denkens und Wollens sowie ein gemeinsames Daseinsgefühl hervorbringen wird.

Der Weg zu diesem tribalen Zustand führt wohlgemerkt über die Auslöschung der überkommenen, individuell ausgerichteten Normen des Denkens, Wollens und Fühlens, die nach und nach einer immer kollektiveren Form des Denkens, Entscheidens und Fühlens weichen müssen. Der Wandel wird sich demnach vor allem auf diesem Gebiet abspielen.

Auf welche Weise? – Im Stamm wird der Zusammenhalt unter seinen Mitgliedern vor allem von einem gemeinsamen Denken und Fühlen garantiert, aus dem sich gemeinsame Gewohnheiten und ein gemeinsames Wollen ergeben. Die Vernunft des einzelnen bleibt auf kaum mehr als nichts, das heißt eben nur auf jene ursprünglichsten, elementarsten Regungen, die ihr atrophischer Zustand erlaubt, beschränkt. Ein „wildes Denken” (1), das eben nicht denkt, sondern sich nur dem Konkreten zuzuwenden vermag. Das ist der Preis des kollektivistischen Aufgehens im Stamm. Dem Medizinmann fällt die Aufgabe zu, dieses kollektive Seelenleben durch totemistische Kulthandlungen voller verworrener „Botschaften”, aber „reich” an den aus den Welten der Transpsychologie und der Parapsychologie stammenden Irrlichtern auf mystischer Ebene am Leben zu halten. Der Erwerb solcherlei „Reichtümer” wäre der Ausgleich, den der Mensch für die Atrophie seiner Vernunft gewinnen würde.

Die Abneigung gegen jede Art von intellektueller Anstrengung, vor allem gegen Abstraktionen, Theorienbildung und doktrinäres Denken, kann endlich doch nur zu einer Übersteigerung der Sinne und der Einbildungskraft führen, zur „Kultur der Bilder”, vor der Paul VI. die Menschheit warnen zu müssen glaubte (2).

Wenn sich zahllose Fakten in einer Weise aneinanderreihen lassen, dass Möglichkeiten wie die der bevorstehenden Geburt der IV. Revolution plausibel erscheinen, was bleibt da dem Gegenrevolutionär zu tun?

In der Perspektive von Revolution und Gegenrevolution hat er vor allem die Bedeutung der Revolution der Tendenzen 22 innerhalb des Entstehungsprozesses der 4. Revolution und in der aus ihr hervorgehenden Welt zu betonen, und er muss bereit sein zu kämpfen, nicht   allein in der Absicht, die Menschen auf die immer deutlicher werdende führende Rolle dieser Tendenzen aufmerksam zu machen, die im Grunde die rechte menschliche Ordnung untergraben, sondern auch auf der tendenziellen Ebene alle legitimen und angebrachten Mittel dafür einzusetzen, diese Revolution in den Tendenzen zu bekämpfen. Er muss auch die neuen Schritte des Prozesses im Auge behalten, sie analysieren und voraussehen, um der höchsten Form der tendenziellen Revolution, wie etwa der revolutionären psychologischen Kriegsführung, die die heraufziehende 4. Revolution bedeutet, so früh wie möglich alle nur denkbaren Hindernisse in den Weg zu stellen.

In diesem Chaos wird nur eines unverändert bleiben: Das weiter oben zitierte Gebet in meinem Herzen und auf meinen Lippen, bei dem mich auch all die begleiten, die die Dinge wie ich sehen und verstehen: „Ad te levavi oculos meos, qui habitas in Coelis. Ecce sicut oculi servorum in manibus dominorum suorum, sicut oculi ancillæ in manibus dominæ suæ; ita oculi nostri ad Dominam Matrem nostram donec misereatur nostri“ (3).

Es ist dies das beständige Vertrauen der niederknienden katholischen Seele, die stark bleibt inmitten der ringsum sich ereignenden Umwälzungen.

Es ist die Stärke jener, die mitten im Sturm zeigen, dass ihre Seele mehr Kraft hat als dieser, und nicht aufhören, aus tiefstem Herzen zu bekennen: „ Credo in Unam, Sanctam, Catholicam et Apostolicam Ecclesiam“, das heißt, ich glaube an die Heilige, Katholische, Apostolische, Römische Kirche, gegen die nach dem Versprechen, das einst Petrus gemacht wurde, die Pforten der Hölle niemals siegen werden.

 

  1. Vgl. Claude Ldvy-Strauss, La pensée sauvage, Plon, Paris 1969.
  2. „ Wir wissen sehr wohl, daß der Mensch angesichts der Wortflut in unserer Zeit oft des Hörens müde wird und, schlimmer noch, dem Wort gegenüber abstumpft. Wir kennen auch die Gedanken zahlreicher Psychologen und Soziologen, die behaupten, der moderne Mensch habe die Zivilisation des Wortes, die nun unwirksam lind, überflüssig geworden sei, hinter sich gelassen und lebe nun in einer Zivilisation des Bildes” (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, B. Dezember 1975. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, 2. Herausgeber: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn, S. 30).
  3. „Ich erhebe mein Antlitz zu Dir, der Du thronest im Himmel. Fürwahr, wie die Augen der Knechte auf ihres Gebieters Hand, wie die Augen der Magd auf ihrer Gebieterin Hand, so blicken unsere Augen auf unsere Herrin und Mutter, bis sie sich unser erbarmt“. (Vgl. Psalm 122, 1-2)

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