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Dialog mit dem Islam

Kardinal Ratzinger

Seit den schrecklichen Ereignissen in Amerika im September 2001 ist auch Europa vor Terroranschlägen nicht mehr sicher.

Denken wir an die Anschläge auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005, die von Selbstmordattentätern verübt wurden und wo zahlreiche Todesopfer und mehr als 700 Schwerverletzte zu beklagen waren.

Vor kurzem wurden von der britischen Polizei Sprengstoffanschläge auf mehrere Passagierflugzeuge mit Ziel Amerika und damit ein Massenmord unglaublichen Ausmaßes verhindert.

 

Fanatismus

 

Immer sind es Muslime, die verführt von einem religiösen Fanatismus in so abscheuliche Verbrechen verwickelt sind.

Wer schürt diesen Haß gegen die westliche Welt? Gibt es eine Möglichkeit, das Verhältnis zwischen dem Islam und dem Westen zu verbessern? Ist ein Dialog mit dem Islam möglich?

Kardinal Joseph Ratzinger nahm dazu in seinem Buch „Salz der Erde – Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende – Ein Gespräch mit Peter Seewald“ (1996) wie folgt Stellung:

„Ich glaube, man muß zunächst auch hier wieder wissen, daß der Islam keine einheitliche Größe ist. Er hat ja auch keine einheitliche Instanz, deswegen ist Dialog mit dem Islam immer Dialog mit bestimmten Gruppen. Niemand kann für den Islam im Ganzen sprechen, er hat sozusagen keine gemeinsam geregelte Orthodoxie. Und er stellt sich, von den eigentlichen Brüchen zwischen Sunniten und Schiiten abgesehen, natürlich auch in verschiedenen Variationen dar. Es gibt einen noblen Islam, den zum Beispiel der König von Marokko verkörpert, und es gibt eben den extremistischen, terroristischen Islam, den man aber auch wieder nicht mit dem Islam im Ganzen identifizieren darf, da würde man ihm auf jeden Fäll unrecht tun.“

Ein wichtiger Punkt für ihn ist jedoch, „daß der Islam insgesamt eine völlig andere Struktur des Miteinander von Gesellschaft, Politik und Religion hat. Wenn man heute im Westen die Möglichkeit islamischer Fakultäten oder die Vorstellung von Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts diskutiert, dann setzt man voraus, daß alle Religionen irgendwo gleich strukturiert sind; daß alle sich in ein demokratisches System mit ihren Rechtsordnungen und ihren Freiräumen, die diese Rechtsordnung gibt, einfügen. Dem Wesen des Islams aber muß das an sich widersprechen. Er kennt nun die Trennung des politischen und des religiösen Bereiches, die das Christentum von Anfang an in sich trug, überhaupt nicht. Der Koran ist ein ganzheitliches Religionsgesetz, das die Ganzheit des politischen und gesellschaftlichen Lebens regelt und darauf aus ist, daß die ganze Lebensordnung eine solche des Islams sei. Die Scharia prägt eine Gesellschaft von Anfang bis zu Ende. Insofern kann er zwar solche Teilfreiheiten, wie unsere Verfassung sie gibt, schon ausnutzen, aber es kann nicht sein Zielpunkt sein, daß er sagt: Ja, jetzt sind wir auch Körperschaft des öffentlichen Rechts, jetzt sind wir genauso präsent wie die Katholiken und die Protestanten. Da ist er immer noch nicht an seinem eigentlichen Punkt angelangt, das ist noch ein Entfremdungspunkt.“

 

Der Islam hat eine ganz andere Totalität der Lebensordnung

 

„Der Islam hat eine ganz andere Totalität der Lebensordnung, er umgreift einfach alles, und seine Lebensordnung ist anders als die unsere. Es gibt eine ganz deutliche Unterordnung der Frau unter den Mann, es gibt eine sehr festgefügte und unseren modernen Gesellschaftsvorstellungen entgegengesetzte Ordnung des Strafrechts, der ganzen Lebensbezüge. Darüber muß man sich klar sein, daß er nicht einfach eine Konfession ist, die man auch in den freiheitlichen Raum der pluralistischen Gesellschaft einbezieht. Wenn man das so hinstellt, wie das heute manchmal geschieht, ist der Islam nach einem christlichen Modell dekliniert und nicht in seinem Selbstsein gesehen. Insofern ist die Frage des Dialogs mit dem Islam natürlich sehr viel komplizierter als etwa ein innerchristlicher Dialog.“

         (Auszüge aus „Benedikt XVI. und die Muslime“, A. Carosa, in Inside the Vatikan, Juni 2006, www.insidethevatican.com).

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