DER KREUZZUG DES 21. JAHRHUNDERTS

Das Reich Christi

Die heilige Kirche wurde durch unseren Herrn Jesus Christus gegründet, um die Wohltaten der Erlösung für ewige Zeiten den Menschen zuzuwenden. Wie die Erlösung selbst so findet die Kirche ihre letzte Bestimmung darin, die Sünden der Menschen zu sühnen durch die unendlich kostbaren Verdienste des Gott-Menschen, um so Gott die äußere Ehre zurückzugeben, die ihm die Sünde geraubt hatte, um den Menschen die Pforten des Himmels zu eröffnen. Dieser Endzweck liegt ganz auf übernatürlichem Gebiet; er bezieht sich letztlich auf das ewige Leben. Die Kirche ist daher absolut erhaben über alles, was nur natürlich, irdisch und vergänglich ist. Das hat unser Herr Jesus Christus ausdrücklich bestätigt, als er zu Pilatus sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh. 18, 36).

Das irdische Leben unterscheidet sich deshalb in tiefgehender Weise vom ewigen Leben. Aber diese beiden Bereiche sind nicht vollständig voneinander getrennt. Nach dem Plan der göttlichen Vorsehung besteht eine innige Beziehung zwischen dem irdischen und dem ewigen Leben. Das Erdenleben ist der Weg, das ewige Leben das Ziel. Das Reich Christi ist nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt verläuft der Weg, der uns zu jenem Ziel führt. So wie die Militärschule der Weg zum Waffendienst ist, oder das Noviziat für den endgültigen Eintritt in einen religiösen Orden vorbereitet, ebenso ist die Erde für uns die Vorstufe zum Himmel.

Jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes. Ausgestattet mit einer Reihe natürlicher Fähigkeiten zum Guten, bereichert durch die Taufe mit der Gabe des übernatürlichen Lebens der Gnade, obliegt es ihm, diese Anlagen zum Guten in ihren vielfältigen Möglichkeiten zu entwickeln. Auf diese Weise wird die Gottähnlichkeit des Menschen, welche zunächst nur unvollständig gegeben ist, vollendet und aktuell.

Die Ähnlichkeit ist die Quelle der Liebe. Je mehr wir Gott ähnlich werden, um so mehr sind wir imstande, ihn vollkommen zu lieben und die Fülle der Liebe auf uns herabzuziehen. So werden wir in zunehmendem Maße vorbereitet für die Anschauung Gottes von Angesicht zu Angesicht in jenem ewigen Akt der Liebe, der die ewige Glückseligkeit ist, zu der wir, im Himmel, berufen sind.

Das irdische Leben ist demnach ein Noviziat, in dem wir unsere Seele für ihr wahrhaftes Ziel vorbereiten, das ist: Gott schauen von Angesicht zu Angesicht und ihn lieben in alle Ewigkeit.

Um dieselbe Wahrheit anders darzulegen, gehen wir davon aus, daß Gott unendlich rein, unendlich stark, unendlich gerecht, mit einem Wort: unendlich gut ist. Um ihn zu lieben, müssen wir die Reinheit, die Stärke, die Gerechtigkeit, alles in allem: das Gute lieben. Wenn wir die Tugend nicht lieben, wie können wir Gott lieben, der das „summum bonum“, das höchste Gut ist? Andererseits, wenn Gott das höchste Gut ist, wie könnte er das Böse lieben? Wie könnte er, angesichts der Tatsache, daß die Ähnlichkeit die Quelle der Liebe ist, einen Menschen lieben, der ihm wesentlich unähnlich, nämlich bewußt und willentlich unrein, feige, ungerecht und böse ist?

Da Gott im Geist und in der Wahrheit angebetet werden will (Joh. 4, 24), müssen wir aus innerstem Herzen heraus rein, stark, gerecht und gut sein. Ist aber unsere Seele gut, so sind es notwendigerweise auch unsere Werke; denn der gute Baum kann nur gute Früchte hervorbringen (Mt. 7, 17-18). Wollen wir demnach den Himmel erobern, so müssen wir nicht nur im Innern das Gute lieben und das Böse verabscheuen, sondern auch in unseren Werken das Gute tun und das Böse meiden.

Der oben gebrauchte Vergleich des irdischen Lebens mit einem Weg zur ewigen Seligkeit trifft die Wirklichkeit nicht ganz. Denn das Erdenleben ist mehr als nur ein Weg. Was werden wir im Himmel tun? Wir werden Gott schauen von Angesicht zu Angesicht, im Licht der Glorie, das ist in der Vollkommenheit der Gnade; und wir werden ihn ganz und ohne Ende lieben. Dieses übernatürliche Leben genießt der Christ aber schon hier auf Erden auf Grund der Taufe. Der Glaube ist bereits das Samenkorn der seligen Anschauung. Und die Liebe zu Gott, die der Christ verwirklicht durch Wachsen im Guten und Vermeiden des Bösen ist schon die eigentliche übernatürliche Liebe, mit der er Gott im Himmel anbeten wird.

Das Reich Gottes tritt erst in der anderen Welt völlig in Erscheinung; aber keimhaft existiert es bereits in dieser Welt. Auch der Novize nimmt schon am religiösen Leben teil, wenn auch in vorbereitender Weise, und der Absolvent einer Offizierschule übt hier sein späteres militärisches Leben ein.

Ein Bild, ja noch mehr eine wahre Vorausnahme des Himmels schon in dieser Welt, ist die heilige Kirche. So kann alles, was die heiligen Evangelien uns über das Himmelreich mitteilen, auch auf sie bezogen werden, auf den Glauben, den sie uns lehrt und auf jede Tugend, zu der sie uns anleitet.

Hier wird der Sinn des Christkönigsfestes deutlich. Jesus ist vor allem der König des Himmels. In bestimmter Weise übt er seine Herrschaft aber auch schon auf Erden aus. Denn König ist, wer in einer Monarchie die höchste und vollkommenste Autorität rechtmäßig besitzt. Er gibt Gesetze, leitet und richtet. Seine Königswürde kommt am wirksamsten zur Geltung, wenn die Untertanen die königlichen Rechte anerkennen und seine Gesetze befolgen. Nach christlicher Auffassung stehen Jesus Christus alle Rechte über uns zu. Er hat seine Gesetze verkündet, leitet die Welt und wird die Menschen einst am Jüngsten Tage richten. An uns liegt es, sein Reich wirksam werden zu lassen, indem wir seine Gesetze erfüllen sowie seine Herrschaft und Gerichtsbarkeit über uns anerkennen.

Christi Herrschaft ist zunächst individueller Natur; denn sie verwirklicht sich, wo immer eine treue Seele unserem Herrn Jesus Christus Gehorsam leistet. Sie wird aber eine soziale Wirklichkeit sein, wenn alle Mitglieder der menschlichen Gesellschaft ihm diesen Gehorsam entgegenbringen und ihre Unterwerfung unter seine Gerichtsbarkeit gläubig anerkennen.

Infolgedessen kann das Reich Christi schon hier auf Erden erstehen im individuellen wie im sozialen Sinne. Voraussetzung dafür ist nur, daß die einzelnen Menschen aus dem Innersten ihrer Seele heraus wie auch in allen ihren Handlungen sich gleichförmig machen mit dem Gesetz Christi und daß die Gesellschaft mit ihren Institutionen, Gesetzen und Bräuchen wie auch in ihren kulturellen Veranstaltungen und Darstellungen sich nach dem Gesetz Christi richtet.

Wie konkret, glänzend und deutlich faßbar diese irdische Realität des Reiches Christi auch in Erscheinung treten kann, ist das Beispiel von Frankreichs König Ludwig des Heiligen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. So darf man doch nicht vergessen, daß ein solches Reich immer nur Vorbereitung ist. In seiner ganzen Fülle wird das Reich Gottes sich erst im Himmel verwirklichen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh. 18, 36).

Ordnung – Harmonie – Friede – Vollkommenheit

Ordnung, Friede und Harmonie sind wesentliche Charakterzüge einer gut gebildeten Seele und einer jeden vernünftig organisierten menschlichen Gesellschaft. Diese Werte hängen aufs engste mit dem wahren Begriff der Vollkommenheit zusammen.

Jedes Wesen, sei es belebt oder unbelebt, hat ein eigenes Endziel und eine anpassungsfähige Natur zur Erreichung dieses Zieles. So nimmt jedes Glied einer Uhr zum Beispiel seine eigene Stellung ein und trägt durch seine Form und Anordnung zur Verwirklichung eines bestimmten Zweckes bei.

Ordnung ist die Disposition der Dinge gemäß ihrer Natur. So ist eine Uhr in Ordnung, wenn alle Teile ihrer Natur und ihrem Zweck entsprechend angebracht sind. In der Sternenwelt herrscht deshalb Ordnung, weil alle Himmelskörper sich mit der Natur und dem Zweck ihres Daseins in Übereinstimmung befinden.

Wenn die Beziehungen zwischen zwei Wesen der Natur und dem Endziel eines jeden von ihnen Rechnung tragen, sprechen wir von Harmonie. Die Harmonie ist das Zusammenwirken der Dinge in ihren wechselseitigen Beziehungen nach dem Bauplan der Ordnung.

Die Ordnung erzeugt Ruhe. Die Ruhe der Ordnung ist der Friede. Nicht jeder Zustand der Ruhe verdient Friede genannt zu werden, sondern nur derjenige, der aus der Ordnung hervorgeht. Der Friede eines ruhigen Gewissens entspringt einem guten Gewissen und hat nichts zu tun mit der Gleichgültigkeit eines abgestumpften Gewissens. Körperliches Wohlbefinden bringt ein Gefühl des Friedens mit sich, das weit entfernt ist von Scheineuphorie oder Mattigkeit nach dem Genuß von Rauschmitteln.

Wenn ein Wesen sich völlig nach Maßgabe seiner Natur geordnet und zufrieden fühlt, befindet es sich im Zustande der Vollkommenheit. So wird ein junger Mensch, der ein großes Auffassungsvermögen und ein starkes Verlangen zum Studium besitzt, darauf drängen, eine Universität zu besuchen, wo ihm alle Mittel für eine wissenschaftliche Ausbildung zur Verfügung stehen; er befindet sich dann hinsichtlich seines Studiums in einer vollkommenen Lage.

Ist die Tätigkeit eines Wesens ganz seiner Natur angepaßt und vollständig auf sein Endziel hin ausgerichtet, dann können wir sie mit Recht als vollkommen – perfekt – bezeichnen. So ist die Bahn der Gestirne vollkommen, weil sie ganz und gar der Natur und dem Zweck eines jeden Sternes entspricht.

Sind die Existenzbedingungen eines Wesens vollkommen, dann werden es mit großer Wahrscheinlichkeit auch seine Lebensäußerungen sein. Es wird all seine Ausdauer, Kraft und Geschicklichkeit einsetzen, um das vorgegebene Ziel zu erreichen. Ein Mensch, der vollkommene Anlagen zum Gehen besitzt, wird in untadeliger Weise gehen, sofern er es nur will.

Für die Erkenntnis der wahren Vollkommenheit des Menschen und der menschlichen Gesellschaft müssen wir uns zuerst eine genaue Vorstellung von der Natur und dem Endziel des Menschen machen. Das Gelingen, die Fruchtbarkeit, der Glanz menschlicher Werke, seien es die einzelner Personen oder solche von Gruppen, Völkern und Nationen, hängen von der Kenntnis unserer Natur und ihres Endzweckes ab. Mit anderen Worten, der Besitz der religiösen Wahrheit ist wesentliche Voraussetzung der Ordnung, der Harmonie, des Friedens und der Vollkommenheit.

Die christliche Vollkommenheit

Das Evangelium deutet uns das Ideal der Vollkommenheit an: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Matth. 5, 48). Diesen Rat zu verwirklichen, lehrt uns am besten unser Herr Jesus Christus selber, der uns diesen Auftrag erteilt hat. Und in der Tat ist Jesus Christus, das absolute Ebenbild der Vollkommenheit unseres himmlischen Vaters, für uns das höchste Vorbild, das wir nachahmen müssen. Unser Herr, seine Tugenden, seine Lehren, seine Werke sind das vollendete Ideal der Vollkommenheit, dem der Mensch nachstreben muß.

Die Regeln zur Erlangung dieser Vollkommenheit finden sich im Gesetze Gottes, das, niedergelegt im Alten Testament, von Jesus Christus bestätigt und erfüllt worden ist: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen“ (Matth. 5, 17); ferner in den Weisungen Jesu an seine Jünger und in der Auslegung der Gebote. Damit der Mensch nicht dem Irrtum verfalle, hat unser Herr Jesus Christus eine unfehlbare Kirche gegründet, die den göttlichen Beistand besitzt, um in Sachen des Glaubens und der Sittenlehre nicht zu irren. Die Treue zum kirchlichen Lehramt ist demnach die Art und Weise wie alle Menschen das Ideal der Vollkommenheit – das ist unser Herrn Jesus Christus – erkennen und ihr Leben nach diesem Ideal gestalten können.

Das haben die Heiligen getan! Indem sie auf heroische Weise die Tugenden übten, welche die Kirche lehrt, leisteten sie Christus und dem himmlischen Vater vollkommene Nachfolge. Die Wahrheit, daß von den Heiligen höchste moralische Vollkommenheit erreicht wurde, haben sogar Feinde der heiligen Kirche, wenn Wut und Bosheit sie nicht verblendeten, anerkannt und verkündigt. Vom hl. Ludwig, König von Frankreich, schrieb zum Beispiel Voltaire: „Es ist dem Menschen nicht möglich, die Tugend noch weiter zu überschreiten“. Dasselbe könnte man von allen Heiligen sagen.

Gott ist der Urheber unserer Natur und folglich auch aller Fähigkeiten und Vorzüge, die in ihr angelegt sind. Was in uns nicht von Gott kommt, sind unsere Fehler: Folgen und Früchte der Erbsünde und der persönlichen Sünden.

Die 10 Gebote Gottes können nicht gegen die Natur gerichtet sein, die ja auch von Gott erschaffen wurde; denn in Anbetracht dessen, daß Gott vollkommen ist, kann es keinen Widerspruch in seinen Werken geben. Deshalb tragen uns die 10 Gebote ein Handeln auf, das uns auch von unserer eigenen Vernunft als unserer Natur gemäß empfohlen wird wie zum Beispiel Vater und Mutter ehren; und andererseits werden uns Taten verboten, die wir vernünftigerweise als gegen die natürliche Ordnung gerichtet ansehen müssen, wie zum Beispiel die Lüge.

Auf dieser Übereinstimmung beruht die innere Vollkommenheit des Gesetzes als Ausdruck der natürlichen Ordnung wie auch die persönlich erworbene Vollkommenheit dessen, der dieses Gesetz befolgt. Alle Handlungen des Menschen sind gut (nach dem Gesetz), sofern sie seiner Natur gemäß sind.

Als Folge der Erbsünde neigt der Mensch dazu, gegen seine Natur zu handeln. So ist er in Bezug auf seinen Verstand dem Irrtum, hinsichtlich des Willens dem Bösen unterworfen. Diese Neigung ist so stark, daß es ohne die Hilfe der Gnade dem Menschen nicht möglich ist, den Vorschriften der natürlichen Ordnung in seinem Denken und Tun nachzukommen. Gott hat die Richtlinien dieser Ordnung auf dem Berge Sinai geoffenbart und im Neuen Bund stiftete er eine Kirche, welche die Menschen schützen soll gegen Trugschluß und Sünde. Durch die Einsetzung der Sakramente, sowie der anderen Mittel der Frömmigkeit beugt er der Schwachheit der Menschen vor; denn diese Mittel sind dazu bestimmt, sie in der Gnade zu befestigen.

Die Gnade ist eine übernatürliche Hilfe zur Kräftigung des Menschen an Verstand und Willen, damit ihm das Leben der Vollkommenheit möglich werde. Gott verweigert niemand seine Gnade. Deshalb ist die Vollkommenheit für alle erreichbar.

Kann ein Ungläubiger die Gebote Gottes erkennen und erfüllen? Erhält er die Gnaden dazu von Gott? Hier muß man unterscheiden. Grundsätzlich erhalten alle Menschen, die mit der katholischen Kirche in Kontakt kommen, genügend Gnaden, um zu erkennen, daß sie die wahre Kirche ist, auch dazu, in sie einzutreten und die Gebote beobachten zu können. Wenn daher jemand freiwillig sich von dieser Kirche fernhält, sei es, daß er ihr untreu wird und sie verläßt oder daß er die Gnade der Bekehrung verweigert, die ja der Ausgangspunkt aller anderen Gnaden ist, schließt er für sich die Pforte des Heiles. Wenn es aber jemand nicht vergönnt ist, die heilige Kirche kennenzulernen, weil er zum Beispiel als Heide in einem Land wohnt, das noch nicht den Besuch der Missionare erhalten hat, so bekommt er doch genügend Gnade, um die Gebote Gottes wenigstens in ihren wesentlichen Grundzügen zu erkennen und sie beobachten zu können (Röm. 2, 14-15); denn Gott enthält keinem Menschen die Mittel zur Rettung vor.

Doch muß man bedenken, daß, wenn die Treue gegenüber dem Gesetz Gottes, Opfer ja manchmal heroische Opfer verlangt, und selbst von Katholiken, die im Schosse der Kirche leben, eingetaucht in eine Überfülle von Gnaden und anderen Mitteln der Heiligung, die Schwierigkeit, das Gute zu verwirklichen, es noch viel größer ist für diejenigen, die außerhalb der Kirche und dieser Überfülle leben. Daher erklärt es sich, daß Heiden welche die Gebote Gottes erfüllen, so selten sind.

Die soziale Vollkommenheit als christliches Ideal

Nehmen wir an, die Bevölkerung eines bestimmten Gebietes würde die Gebote Gottes beobachten, welche Wirkung wäre hiervon auf die von ihr gebildete Gesellschaft zu erwarten? Was läßt sich von einer Uhr sagen, in der jeder Teil gemäß seiner Natur und seinem Zweck arbeitet? Oder wie steht es um ein Ganzes, dessen Teile als vollkommen bezeichnet werden dürfen?

Mechanische Vorgänge zur Erläuterung soziokultureller Verhältnisse heranzuziehen, ist immer etwas mißlich. Vergegenwärtigen wir uns deshalb unmittelbar das Bild einer von guten katholischen Christen getragenen Gesellschaft, so wie der heilige Augustinus es uns schildert: „Stellen wir uns ein Gemeinwesen vor, gebildet aus Soldaten, die in der Lehre Christi unterwiesen sind, aus (ebensolchen) Gouverneuren, Eheleuten, Eltern, Kindern, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Königen, Richtern, Steuerzahlern, Steuereinnehmern. Sollten es die Heiden da noch wagen zu behaupten, die christliche Lehre sei gegen die Interessen des Staates gerichtet? Im Gegenteil, sie werden ohne Zögern anerkennen müssen, daß sie, treu beobachtet, ein Behüter des Staates ist“ (Epist. CXXXVIII, 5 ad Marcellinum, cap. II, 15).

An einer anderen Stelle, wo er die heilige Kirche feierlich anredet, ruft der Kirchenlehrer aus: „Du leitest und lehrst die Kinder mit Zärtlichkeit, die Jugendlichen mit Kraft, die Greise mit Ruhe, so wie es dem jeweiligen Alter an Leib und Seele zuträglich ist. Du unterstellst die Frauen ihren Männern durch einen keuschen, treuen Gehorsam, nicht um die Leidenschaft zu befriedigen, sondern um das menschliche Geschlecht zu verbreiten und die häusliche Gemeinschaft zu bilden. Du räumst den Ehemännern Autorität über ihre Gemahlinnen ein, nicht um die Schwachheit ihres Geschlechtes zu mißhandeln, sondern damit sie den Gesetzen einer aufrichtigen Liebe folgen. Du unterwirfst die Kinder ihren Eltern durch eine sanfte Autorität. Du vereinst die Bürger mit den Bürgern, die Nationen mit den Nationen, die Menschen untereinander durch die Erinnerung an die ersten Eltern nicht nur zu einer Gemeinschaft, sondern auch zu einer Art Bruderschaft. Du weisest die Könige an, über die Völker zu wachen und schreibst diesen vor, ihren Regenten gehorsam zu sein. Du lehrst mit Sorgfalt, wem Ehre, wem Liebe, wem Ehrfurcht gebührt; wem Furcht, wem Trost, wem Ermahnung, oder Ermutigung zukommt; wer Zurechtweisung, Tadel oder Strafe verdient, und du läßt alle wissen, daß nicht allen alles geziemt, daß aber allen Liebe und niemandem Ungerechtigkeit zu erweisen ist“ (De moribus ecclesiae, cap. XXX, 63).

Besser kann man das Ideal der vollkommenen christlichen Gesellschaft nicht schildern. Gibt es ein Gemeinwesen, das imstande wäre, Ordnung, Harmonie, Frieden und Vollkommenheit zu höheren Formen zu entwickeln? Eine kurze Erwägung soll diesen Gedankengang abschließen: wenn heute alle Menschen die Gebote Gottes beobachteten, wären dann nicht in kurzer Zeit alle wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme zu lösen, die uns bedrücken? Welches Ergebnis kann man dagegen für die Menschen erwarten, solange sie in ihrer gewohnten Vernachlässigung der Gebote Gottes verharren?

Hat die menschliche Gesellschaft schon jemals dieses christliche Ideal der Vollkommenheit verwirklicht? Ganz ohne Zweifel! Der unsterbliche Leo XIII. sagt es uns:

„Nachdem die Erlösung bewirkt und die Kirche gegründet war, erschien auf der Welt etwas wie das Erwachen aus einer langen, alten, hoffnungslosen Apathie. Der Mensch erblickte das Licht der Wahrheit, nach dem er viele Jahrhunderte hindurch vergeblich gesucht und verlangt hatte. Vor allem wurde ihm deutlich, daß er für viel höhere und herrlichere Güter geboren war, als die vergänglichen und unzuverlässigen, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind und auf die er bisher seine Gedanken und Sorgen konzentriert hatte. Er verstand nun, daß sein ganzes Leben, das oberste Gesetz und Ziel, dem sich alles unterordnen muß, von Gott kommt, und daß wir eines Tages zu ihm zurückkehren müssen.

„Aus dieser Quelle, über diesem Fundament gelangte der Mensch wieder zum Bewußtsein seiner eigenen Würde. Die Entdeckung, daß soziale Brüderlichkeit (sprich Nächstenliebe) notwendig ist, ließ die Herzen höher schlagen. Infolgedessen erreichten Rechte und Pflichten ihre Vollkommenheit oder befestigten sich darin. Gleichzeitig erstarkte die Tugend auf verschiedenen Gebieten in solchem Maße, wie es der Philosophie der Antike nicht vorstellbar gewesen war. Die Pläne der Menschen und ihr Verhalten nahmen eine andere Richtung. Und indem die Erkenntnis des Erlösers sich ausbreitete, und seine sittliche Kraft das Innerste der Gesellschaft durchdrang, wurden Unkenntnis und Laster des Altertums verscheucht und so jene Umwandlung bewirkt, die zur Zeit der christlichen Kultur das Angesicht der Erde vollständig erneuerte“ (Leo XIII., Enzyklika „Tametsi Futura Prospicientibus“ vom 1. November 1900).

Christliche Bildung und christliche Kultur

Dieser Zustand der menschlichen Gesellschaft, der, erwachsen aus Ordnung und Vollkommenheit, eher als ein übernatürlicher und himmlischer denn als eine irdische Erscheinung anzusehen ist, war dennoch einst lichtvolle Wirklichkeit, in die Geschichte eingegangen unter der Bezeichnung „christliche Kultur“ (oder christlich-abendländische Kultur), Produkt einer jahrhundertlangen christlichen Erziehungsarbeit, welche im wesentlichen von der katholischen Kirche geleistet worden ist. Ihr Ziel war die christliche Bildung und Gesittung des Menschen, dessen Seele nicht dem ungeordneten, spontanen Spiel ihrer Einzelkräfte – Verstand, Wille, Gefühl – überlassen ist, sondern der im Gegenteil durch redliches Bemühen auf geordnetem Fundament eine Bereicherung und Stärkung dieser Kräfte erfährt. Die Seele eines solchen Menschen ist einem kultivierten Stück Land vergleichbar, das nicht alle Samen gedeihen läßt, welche der Wind chaotisch darin niederlegte, sondern das durch die sachkundige Arbeit der Menschen gute und nützliche Früchte hervorbringt.

In diesem Sinne ist katholische Bildung die Pflege und der Einsatz aller Kräfte des Verstandes, des Willens und des Gefühls in Übereinstimmung mit den Regeln der katholischen Moral. Wie wir oben gesehen haben, befindet sich eine nach diesen Grundsätzen geformte Seele im Zustand der Vollkommenheit. Wenn die sittliche Bildung in der Allgemeinheit einer Gesellschaft zum Tragen kommt, (obwohl nach Grad und Art bei den einzelnen Mitgliedern verschieden, entsprechend der sozialen Stellung und dem Alter eines jeden), wird sie zu einem sozialen Faktor und damit zum wichtigsten Element der sozialen Vollkommenheit.

Kultur ist der Zustand einer menschlichen Gesellschaft, die eine sittliche Bildung besitzt und sich nach deren grundlegenden Normen eine Gesamtheit von Gebräuchen, Gesetzen, Institutionen, von literarischen und künstlerischen Stilmustern geschaffen hat.

Eine Kultur ist katholisch, wenn sie aus einer katholischen Gesittung und Bildung ihrer Teilhaber erwächst und wenn der Geist der Kirche als die eigentliche Richtschnur, die lebensnotwendige Norm für die Gebräuche, Gesetze, Institutionen und Stilanschauungen dieser Gesellschaft wirkt.

Da Jesus Christus das wahre Ideal und der Inbegriff der Vollkommenheit ist, muß eine Gesellschaft, die seine Gesetze anwendet, eine vollkommene Gesellschaft sein. Deshalb auch muß die Gesittung beziehungsweise die Kultur, welche aus der Kirche Christi geboren wurde, mit Notwendigkeit nicht nur die beste, sondern die einzig wahre Lebens – beziehungsweise Gesellschaftsform sein. Der Heilige Vater Papst Pius X. sagt es uns: „Es gibt keine wahre Kultur ohne moralische Bildung und es gibt keine wahre moralische Bildung außer durch die wahre Religion“ (Brief an das französische Episkopat vom 28. August 1910 über „Le Sillon“ ). Daraus ersehen wir, kristallklar, daß es keine wahre Kultur gibt, wenn sie nicht aus der wahren Religion erwachsen ist.

Die Kirche und die christliche Kultur

Es wäre eine arge Täuschung zu meinen, die Erziehungsarbeit der Kirche sei nur individuell und auf die Heranbildung christlicher Persönlichkeiten gerichtet, nicht aber auf Völker, Zivilisationen und Kulturen.

In Wirklichkeit hat Gott den Menschen als soziales Wesen geschaffen und ihn dazu bestimmt, in Gemeinschaft mit anderen an der gegenseitigen Heiligung zu arbeiten. Deshalb machte er ihn auch beeinflußbar. Wir spüren alle durch den Geselligkeitstrieb in uns die Neigung, unsere Ideen in gewissem Maße anderen mitzuteilen und Anregungen von ihnen zu bekommen. Das gilt für die Beziehungen von Mensch wie für die vom einzelnen zur Gesellschaft. Die Umwelt, die Gesetze und Institutionen, in denen wir leben, üben ihren Einfluß auf uns aus und haben eine pädagogische Wirkung auf uns.

Diesem Milieu und seiner Denkweise, die den Menschen durchdringt wie durch Osmose (sanfter Einfluß, wie durch die Haut), sich notfalls völlig zu entziehen, ist das Werk einer hohen und schwierigen Tugend. Die ersten Christen sind dadurch, daß sie ihre katholische Überzeugung trotz der heidnischen Umgebung in der sie lebten vollständig bewahrten, nicht weniger zu bewundern als in dem Moment, wo sie den wilden Tieren im Kolosseum gegenübertraten.

So bilden die Kultur und Zivilisation eines Volkes wichtige Mittel, um auf die innere Haltung der Menschen Einfluß zu nehmen. Sind die Lebens – und Gesellschaftsform heidnisch, so tragen sie zum Zusammenbruch der Seelen bei; sie dienen zu ihrer Rettung, wenn sie katholisch sind.

Die Kirche kann also nicht uninteressiert daran sein, eine christliche Kultur hervorzubringen und sich damit begnügen, nur individuell Seelen zu betreuen.

Dennoch ist auch dies sehr wichtig, denn jede Seele ist durch die Einwirkung der Kirche, der sie bereitwillig Folge leistet, ein Licht oder ein Samenkorn dieser Kultur, deren Verbreitung und Förderung sie aktiv und energisch dient. Die Tugend leuchtet nicht nur selbst, sondern entzündet ihr Licht auch in anderen Menschen. Sie wirkt ansteckend, breitet sich aus und tendiert zu ihrer eigenen Umwandlung von der vorbildlichen Haltung des einzelnen über die Gesittung der Gesellschaft zu einer von katholischem Geist getragenen Kultur und Zivilisation.

Wie wir sehen, ist es eine Eigenheit der Kirche, eine christliche Lebens – und Gesellschaftsform hervorzubringen. Sie will ihre Früchte in einer sozialen Atmosphäre austeilen, die ganz und gar katholisch ist. Der Katholik muß nach einer katholischen Kultur streben, wie ein Mensch in verschlossenem Keller sich nach Luft und Sonne sehnt und der gefangene Vogel nach freier Bewegung im Himmelsraum verlangt.

Das ist unser Endziel, unser großes Ideal. Wir gehen einer katholischen Kultur entgegen, die aus dem Materialismus der heutigen Welt erstehen kann, wie aus der Übersättigung und Verfallenheit der römischen Welt die mittelalterliche Kultur hervorging. Wir schreiten der Eroberung dieses Ideals entgegen mit Mut und Ausdauer, entschlossen, allen Hindernissen entgegenzutreten, sie alle zu besiegen, so wie die Kreuzritter nach Jerusalem gezogen sind. Denn wenn unsere Vorfahren zu sterben wußten, um das Grab Christi zu erobern, wie wollen nicht wir, Söhne der Kirche wie sie, kämpfen und sterben, um das zu restaurieren, was unendlich mehr wert ist als das kostbare heilige Grab des Heilandes, nämlich seine Herrschaft über die Seelen und Gesellschaften, die er geschaffen und errettet hat, damit sie ihn ewig lieben?