Wie schreibt man einen fiktionalen Roman, der den Leser fesselt?

Zur Lage der Zeit
Der Roman „Sakrileg“ ähnelt der Statue oben: Der Mann verführt mit einer Frucht, doch aus seinem Körper entspringen abstoßende Kreaturen mit allen möglichen Lastern
Der Roman „Sakrileg“ ähnelt der Statue oben:
Der Mann verführt mit einer Frucht, doch aus seinem Körper entspringen abstoßende Kreaturen mit allen möglichen Lastern

Wissen Sie, warum das Buch „Da Vinci Code“, wie unzählige weitere Erfolgsbücher (z.B. Harry Potter), den Leser fesselt und ihn dazu bringt, Seite um Seite zu verschlingen, ohne aufhören zu können? Und dies sogar bei Menschen, die keine Leseratten sind?

Die Fähigkeit, zwanghaftes Lesen hervorzurufen, wird manchmal als Qualitätsmerkmal angesehen. Es sei ein gutes Buch, denn es bringt die Menschen zum Lesen. Die „leidenschaftliche“ Lektüre eines Buches sei ein Beweis für seinen Wert und die Vortrefflichkeit der Ideen, die es verbreitet.

Möchten Sie das Geheimnis erfahren, das in den Seiten der meist verkauften Bücher, wie z.B. „Da Vinci Code“ verborgen ist?

Es handelt sich lediglich um ein Küchenrezept. Ich werde es Ihnen aufzeigen.

Dieses Rezept wird nicht (wie „Da Vinci Code“) in einer geheimen Handschrift, die dem Schatz der Tempelritter gehört, beschrieben. Leonardo da Vinci hat es nicht in seinen Gemälden als eine in den Zügen eines Greises verborgene griechische Göttin gemalt; und Francois Mitterrand hat die Pyramide des Louvre nicht aufgebaut, um zu zeigen, wo dieses Rezept aufbewahrt wird.

Nein, das literarische „Küchenrezept“, das die Menschen zum Lesen bringt, ist in zahlreichen Büchern beschrieben, die wenig bekannt sind… Hier sind die wichtigsten Regeln, die großteils dem Buch How to write a damn good fiction (Wie man einen richtig guten Roman schreibt) von James Frey entnommen wurden. So werden Sie die Tricks leichter verstehen, die auf jeder Seite von „Code da Vinci“ angewandt wurden:

Erfinden Sie einen fiktionalen Traum!
        Ihr Leser muß in einen fiktionalen Traum versetzt werden. Der Traum wird durch die Macht der Eingebung erschaffen. Beschreiben Sie Szenen, die ein Bild auf dem mentalen Bildschirm Ihres Lesers erzeugen.
Sie sollten mehr sinnlich wahrnehmbare Einzelheiten bringen als logische Gedanken. Das Räsonieren (logische Denken) würde den Leser aus dem Traum herausholen.

Gewinnen Sie die Sympathie des Lesers!
        Damit der Traum entstehen kann, ist es sehr wichtig, die Sympathie des Lesers zu gewinnen. Um Sympathie gegenüber dem Hauptcharakter zu erwecken, muß der Leser Kummer um ihn haben. Alle Situationen, unter denen der Hauptcharakter leidet, sei es physisch, geistig oder seelisch, ziehen die Sympathie des Lesers an.
Wenn die Sympathie geweckt ist, bringen Sie den Leser noch weiter in den fiktionalen Traum, indem Sie ihn sich mit dem Hauptcharakter identifizieren lassen.

Schaffen Sie Identifizierung mit dem Hauptcharakter!
        Verwechseln Sie nicht Sympathie mit Identifizierung! Sympathie entsteht, wenn der Hauptcharakter leidet und Ihr Leser um ihn Kummer hat. Identifizierung erfolgt, wenn der Leser nicht nur Sympathie empfindet, sondern auch die Ziele und Wünsche des Hauptcharakters stark unterstützt.
Geben Sie dem Hauptcharakter ein erhabenes Ziel, so wird der Leser sich mit ihm identifizieren, auch dann, wenn dieser Hauptcharakter in der Vergangenheit ein furchtbarer Verbrecher gewesen ist.

Bewirken Sie Empathie!
        Bedienen Sie sich sinnlich wahrnehmbarer Einzelheiten, die die Emotion Ihres Lesers erwecken. Er muß fühlen wie der Hauptcharakter. So wird Ihr Leser sich in die Lage des Hauptcharakters versetzen.
Sympathie, Identifikation und Empathie tragen dazu bei, ein Band zwischen Ihrem Leser und dem Hauptcharakter herzustellen. Es bleibt Ihnen jetzt nur mehr, den Leser zu transportieren (weiterzuführen).

Transportieren Sie den Leser!
        Wenn der Leser transportiert wird, befindet er sich in der Welt Ihrer Fiktion so gefangen, daß die Wirklichkeit für ihn verschwunden ist. Das ist Ihr Ziel als Autor eines fiktiven Romans: der Leser muß ganz in der Geschichte Ihrer Charaktere versinken. Um ihn in diesen Zustand zu bringen – nachdem Sie Sympathie, Identifikation und Empathie geweckt haben – müssen Sie noch die internen Konflikte benutzen.

Produzieren Sie interne Konflikte!
        Der interne Konflikt ist wie ein heulender Sturm im Innenleben Ihres Hauptcharakters: Zweifel, Fehler, Irrtümer, Schuldgefühle, Reue, Unentschlossenheit usw. Der Leser wird die Zweifel Ihres Hauptcharakters übernehmen, seine Reue teilen und mit seinem Zögern schwanken. Um den Leser in diesem Zustand festzuhalten, brauchen Sie nur die Spannung vergrößern.

Die Spannung – Werfen Sie eine Frage auf und wecken Sie Neugier!
        Versuchen Sie, den Leser in der Lektüre gefangen zu halten. Er ist jetzt gespannt, weil es in der Geschichte etwas gibt, das noch nicht gelöst ist.
Werfen Sie eine gewaltige Frage gleich am Beginn Ihrer Geschichte auf und „beschießen“ Sie Ihren Leser in einer Weise, die ihn abhält, mit der Lektüre aufzuhören. Neugier erzeugt Spannung.

Entfesseln Sie die Angst!
        Angst und Bangen erzeugen eine noch stärkere Spannung. Die erste Bedingung zur Erzeugung von Angst ist die Erweckung der Sympathie. Die zweite Bedingung ist eine auftauchende Bedrohung, die aber nicht unbedingt physisch sein muß.
Der größte Fehler, den Sie machen können, ist, daß von Anfang an und im Verlauf der ganzen Geschichte den Hauptcharakter keine Gefahr bedroht. Bedrohen Sie ihn und Sie werden Angst beim Leser verursachen.

Zünden Sie die Lunte!
        Die Spannung kommt aus der Tatsache, daß die Lunte angezündet ist und sich der Hauptcharakter in einer bedrohlichen Situation befindet. Etwas Furchtbares wird sich in einem gewissen Zeitpunkt ereignen, und der Hauptcharakter muß es verhindern, bevor es zu spät ist. Das macht den Leser unruhig und er wird sich um das Schicksal der verschiedenen Charaktere sorgen. Der Leser wird sich dann mit den Charakteren identifiziert und nimmt deren Art des Denkens und Handels an.

Letzter Ratschlag!
        Sie müssen Ihre literarische Fiktion für eine gewisse intellektuelle Elite schreiben, die auf einen guten, mit philosophischen und existentiellen Situationen gespickten Text wartet. Bleiben Sie mit Ihrem Roman aktuell, was Verschwörungen, Geheimnisse, planetarische Gefahren, esoterische Religionen, Diffamierung der katholischen Kirche usw. betrifft.

Kompliment! Sie haben eben das Buch „The Da Vinci Code“ geschrieben.
Wenn Sie hören, daß irgendjemand vom Roman „Da Vinci Code“ beeindruckt ist, geben Sie ihm dieses Küchenrezept, nach dem dieses Buch verfaßt wurde. Er wird dadurch wieder einen gesunden, kritischen Abstand gewinnen.

Benoit Bemelmans