Der Schmutzige Korb

Verschiedenes

Der Schmutzige Korb
Gehorsam, Geduld, Gewinn

Am Rande der Wüste lebte ein Einsiedler. Ihn besuchte eines Tages ein junger Mann, der ihm sein Leid
klagte: „Ich lese so viele heilige Texte, ich vertiefe mich in die Schönheit der Worte, ich möchte sie alle festhalten und als einen Widerschein der ewigen Wahrheit in mir bewahren. Aber es gelingt mir nicht, ich vergesse alles. Ist nicht die mühevolle Arbeit des Lesens ganz umsonst?“

Der Einsiedler hörte ihm zu. Als er fertig war mit seiner Klage, ließ er ihn einen schmutzverkrusteten Korb aufnehmen, der neben der Hütte stand. „Hole mir aus dem Brunnen dort drüben Wasser“, sagte er. „Hat er meine Frage nicht verstanden?“ dachte der junge Mann. Widerwillig nahm er den schmutzigen Korb und ging zum Brunnen. Das Wasser war längst herausgerieselt, als er zurückkehrte.

Der Einsiedler sagte: „Geh noch einmal!“ Der junge Mann folgte. Ein drittes und viertes Mal mußte er gehen. „Der Alte prüft meinen Gehorsam, ehe er meine Frage beantwortet“, dachte er. Immer wieder füllte er Wasser in den Korb, immer wieder rann es zu Boden. Nach dem zehnten Mal durfte er aufhören.

„Sieh den Korb an“, sagte der Einsiedler. „Er ist ganz sauber“ sagte der junge Mann.

Da sagte der Einsiedler: „So geht es Dir mit den Worten, die Du liest und bedenkst. Du kannst sie nicht festhalten, sie gehen durch Dich hindurch, und Du hältst die Mühe für vergeblich. Aber ohne daß Du es bemerkst, klären sie Deine Gedanken und machen das Herz rein“.